12.11.14

Wenn es dir hier nicht gefällt, dann werd doch reich!

Ich erwische mich in diesen Tagen immer wieder dabei, wie ich Flashbacks zum Nachmittag von Merkels Machtergreifung erlebe. Ich saß damals in einem uralten Ford Fiasko und fuhr eine viel zu enge, gewundene Waldstraße entlang. Noch war ich Fahranfänger... und jeder mir entgegenkommende Lastwagen zwang mich, um mein Leben zu lenken, damit ich mich nicht selbst um einen Baum wickete. 
Ich war auf dem Rückweg von einem abgelegenen Krankenhaus, wo ich meine Großmutter besucht hatte... und aus dem Radio plärrte die finale Bestätigung all dessen, was ich in den Tagen davor bereits befürchtet hatte: Jawoll, SPD und Union haben sich geeinigt. Eine große Koalition wird kommen. 

Neun Jahre Merkel. Fünf Jahre "Große Koalition". Neun Jahre Diktatur.

Nächsten Oktober werde ich 30 Jahre alt werden. Seit ich das Gymnasium verließ, lebe ich in einem Land, das einen Bürgerkrieg in Zeitlupe führt.

Der Spiegel titelt diese Woche mit dem Cover "Die Generation Merkel," eine Phrase, die ich auch in meiner letzten Kolumne verwendet hatte. Und irgendwie schaffen es diese drei Worte, eine besondere Form der Hoffnungslosigkeit in mir auszulösen. 
Ich habe diese furchtbar naive Idee von Demokratie, in der die Menschen sich jeden Tag über wichtige Themen unterhalten und die Entscheidungen der Regierung die kollektive Intelligenz ihres Volkes widerspiegeln. 
Doch statt dessen wuchs meine Generation mit Krisen und Kriegen, Hypes und Shitstorms auf. Zensur wurde zur "Familienpolitik" erklärt. Unternehmensberater und PR-Agenturen übernahmen die Macht. Das Internet, einst die glorreiche Hoffnung auf eine bessere Welt, wurde erst monetisiert, dann durchreguliert und zuletzt zum brutalsten Überachungsinstrument der Geschichte gepatcht. Unsere Grundrechte wurden selbst von Richtern verlacht. Aus Ideen und Kultur wurde "Content", aus der Wahrheit wurden "Narrativen", aus "menschenverachtend" wurde "volatil". Kartelle und fusionierte Megakonzerne bezahlten die gekaufte Öffentliche Meinung mal eben aus der Portokasse. Die Freiheit meines Landes, so der ewige Running Gag, wurde neuerdings auch am Hindukusch verteidigt. Die Intelligenz meines Landes verkümmerte an unterfinanzierten Schulen, an denen unkündbare Psychopathen "Natürliche Selektion" spielten. Steuerflüchtlinge genossen höchsten politischen Schutz. Waffenexporte wurden dem Souverän verschwiegen. Eine völlig an der Gewaltenteilung vorbei gewachsene Geheimdienst-Szene fing an, lieber für lukrativere Herren jenseits des Atlantiks zu arbeiten. Wir verloren das Bankgeheimnis und die Berufsgeheimnisse von Journalisten, Anwälten, Priestern. Wir verloren das Recht auf informationelle Selbstbestimmung.
Wir verloren Gewerkschaften, Verbraucherrechte, Arbeitsplätze und abermilliarden in Subventionen, die wirkungslos veruntreut wurden. Wir verloren die Öffentlich-Rechtlichen Medien an den "Rundfunkmedienstaatsvertrag". Wir verloren das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung.

Wir verloren zwar nicht unsere Reisefreiheit, aber wir arbeiten dran. Wer sich regelmäßige ICE-Tickets leisten kann, gehört ohnehin nicht zur angepeilten Zielgruppe dieses Rants.

Löhne, Sozialleistungen und Sicherheiten wurden abgebaut und abgeschafft. Menschen wurden enteignet, Arbeitslose zu Sozialfällen erklärt. Die Logik hinter meiner Gesellschaft wurde immer schizophrener: Wenn es dir hier nicht gefällt, dann werd doch reich!

Nicht, dass ich mir vor Merkel große Illusionen über Gerhard Schröder und seine "Sozialdemokraten" gemacht hätte: Selbst nach seinem Tod noch wird er sich in der Hölle verstecken müssen vor den Seelen, die Hartz IV in den Selbstmord getrieben hat. 
Nicht, dass ich gerne mal die Grünen wählen würde: Political Correctness ist die widerlichste Art der Verlogenheit.

Ach, der jugendliche Leichtsinn... nachdem ich Schröder damals 5 Jahre lang interessiert beobachtet hatte, fing ich mich irgendwann an zu wundern: Moment, wieso zieht diese angebliche Arbeiterpartei mit jedem. einzelnen. Gesetz, das sie verabschiedet, die Schlinge um den Hals der Verbraucher enger und enger?
Was wäre passiert, wenn die Schröder-Fischer-Regierung einfach mal erklärt hätte, okay, genug Geschenke an die Wirtschaft, jetzt stärken wir - aus reiner Experimentierfreude - einmal die Rechte unseres Volkes? 

Aber statt dessen bekamen wir das Recht, ausgebeutet zu werden. "Neoliberale," "neokonservative" "Think-Tanks" aus "der neuen Mitte" übernahmen die intellektuelle Kontrolle und BWL wurde zur neuen Heilslehre erklärt.

Als Merkel damals an die Macht kam erklärte jemand aus meinem Umfeld mir Jungspund das Prinzip der CDU: "Pass auf, das Prinzip hinter der CDU ist es und war es schon immer gewesen, den Mittelstand abzuschaffen. Leute, die einfach nur gut leben können, ohne dabei arm oder reich zu sein." 
All in: Damit einige wenige ultrareich werden können, müssen viele andere alles verlieren, was sie haben - und die Union suggeriert dir stets, dass du zu den Gewinnern gehören wirst, wenn du bei ihnen ins Boot kommst. Sie wollen eine Welt von Arm und Reich, nur noch zwei Klassen, die weitaus leichter zu regieren sein wird als eine gesunde, ausgewogene, spontane Gesellschaft.

Die Hartz-Gesetze waren die dazu nötige Waffe. Und wir Volltrottel überreichten sie einer Partei aus rückständigen Soziopathen mit Ansichten aus den 1930ern Jahren.

Während Kohls Amtszeit war ich nur ein Kind und interessierte mich nicht die Bohne für Politik. Zum ersten Mal bewusst registriert hatte ich ihnen zu Zeiten des (damals aktuellen) Schmiergeldskandals. Ich musste mit der Zunge schnalzen: Mein Land ist so dermaßen korrupt, dass der Kanzler die Bestechungsgelder sogar persönlich abholen kommt.
Aber Kohl nutzte das Ende seiner Karriere für eine krasse Geschichtslektion, die ich damals mit Schrecken registrierte: Was gut ist für die CDU, ist gut für Deutschland. Was gut sein will für Deutschland, muss gut sein für die CDU. 

Was nicht gut ist für die CDU, ist schlecht für Deutschland.

Heute weiß ich: Die CDU ist Deutschland. Die SPD ist bloß der Betriebsrat. Alles, was ich als Junge verabscheut habe, war instinktiv richtig: Woher du stammst ist wichtiger als was du kannst. Wie du aussiehst ist wichtiger als was du denkst. Selbstachtung bringt dich auch nur so und so weit - und in der deutschen Politik hat kaum jemand Selbstachtung. 

Es ging immer nur um's Geld. 

Selbst Macht als solche ist dadurch so banal geworden, dass wir sie mit nichts anderem mehr als Selbstbereicherung und Vetternwirtschaft assoziieren. Ein Volk zu regieren sollte die ultimative Verantwortung sein, ein Alptraum, vor dem man sich eigentlich drücken sollte.
Für Parteien ist es eine Lizenz zum Gelddrucken.

Kurzum: Mein Land verprellte all jene, auf die es eigentlich angewiesen ist - und wenn es morgen bedroht werden sollte, durch Feinde von Außen oder Innen, wird Niemand auch nur einen Finger heben. Im Gegenteil: Gäbe man meinen Mitbürgern einen Anlass, eine Integrationsfigur, einen Kristallisationspunkt... ich glaube der 9. November wäre dieses Jahr anders ausgefallen als eine überteuerte Lichtshow mit Public Viewing und Bahnstreik.

Während in Berlin die Vorbereitungen auf die Mauerparty liefen, verbrachte ich meinen 9. November auf den wunderbaren Autobahnen Deutschlands und ließ meinen Blick schweifen - über Mein Land: Grün, gelb, braun, grau, stählern, blau und weiß - überall. Ich war in der Alten Heimat gewesen, Family-Affairs, und saß nun in einem Fernbus gen Berlin. Die Fahrt war in wilde Paranoia ausgeartet, nachdem man mich per SMS vor Polizeikontrollen bei Frankfurt gewarnt hatte - in meinem Hinterkopf hatte ich bereits die Rede ausformuliert, mit der ich das alles erklären würde…


Aber unser Fahrer navigierte uns sicher und souverän, und so genoss ich unsere Rastplatzpause in vollen Zügen. Ich nutze pieksaubere Fernfahrerklos und holte mir für den Gutschein eine Packung Lucky Strike - ein seltener Luxus, vorgedrehte Zigaretten. Es waren nur noch wenige Minuten, ehe die Pause enden würde, und so ging ich vor die Zapfsäulen, eine rauchen… und da überkam mich die surreale, unerklärliche Woge, die in diesem hoffnungslosen Post endete: Depeche Modes „Enjoy the Silence“ pulsierte aus den Lautsprechern vor den Zapfsäulen (die 2004er Version?), die Sonne riss durch die Wolken, alles schien in Zeitlupe abzulaufen, ich sah vor mir zwei Reiterinnen auf Pferden gelangweilt durch den Parkplatz schlurfen, es fühlte sich so random an, mir schoss so ein Gedanke durch den Kopf wie „Junge, du machst zu viele von diesen Busfahrten…“ und auf einmal war es, als sei ich in einem Stephen King-Film, oder der Pilotfolge von LOST, und mein Gehirn versuchte verzweifelt, diesen Gedanken zu fassen: Ein deutscher Mystery-Film, basierend auf 50+ Fremden, die in einem Fernbus eingepfercht sind… und zusammen durch die ewige Finsternis von Brandenburg müssen. 
Aber ich fand keinen Twist, kein Ende, und so verwarf ich das Planen wieder und begrub auf's neue die Hoffnung, endlich ein goldenes Ticket gefunden zu haben, das mich aus meiner finanziellen Bedeutungslosigkeit rettet.

Aber dennoch erschienen mir fortan Fernbusse wie ein passendes Symbol für alles, wofür Deutschland gerade steht: Eine Nation, die sich ihre eigene Eisenbahn nicht mehr leisten kann. 
Null Komfort, aber Gratis-WLAN. Ausweiskontrolle durch Zivilisten. Drogen überall. "Ziellosigkeit", die wir zu "Flexibilität" umtauften. Flüchtlinge, die sich selber schmuggeln und vor jedem blau-silbenen Fahrzeug zusammenzucken. Endlos viele Singles. Studentinnen und Hipster. Die Senioren. Der Weltkongress nicht zahlender Journalisten.

Die vorherrschende Ethik meiner Gesellschaft ist die, dass der Wille des Staates den Willen des Bürgers überschreibt. Wir nennen das „Das Gesetz“. Wir verkennen, dass Verbrechen eine unrühmliche, aber notwendige Daseinsberechtigung in jeder Epoche besessen hat. Wir verkennen, dass jeder Mensch ein Verbrecher ist, irgendwann.
In meinem Staat ist es so, dass du relativ sicher von den meisten Repressalien bist, wenn du über 3.000 Einheiten der lokalen Währungen pro Monat zugeteilt bekommst. Liegst du darunter, so empfinden Staat und Entscheidungsträger, dann hast du wohl in deinem Leben die ein- oder andere falsche Entscheidung getroffen. Und dafür wirst du bestraft werden.

Nur die Reichen haben eine Lobby.

25.10.14

:-) Playlist

Unlängst kassierte die Content-Industrie eine erneute Schlappe vor Gericht. Man wollte sich das Einbetten und Verlinken von YouTube-Links durch Privatleute in Zukunft bezahlen lassen.
Bangarde.
Ich habe in 10 Jahren keinen Cent mit dieser Webseite gemacht.
Aber ich mache nonstop Werbung für erstrebenswerte Kultur.

Zur Feier des Sieges meiner Verbraucherrechte habe ich ergo meine :-) Playlist abgetippt, für euch verlinkt und hier bereit gestellt. Viel Spaß!

null1 Rock & Roll Nigga - Patti Smith ("Outside of Society, that's where I wanna be!")
null2 Sacrilege - Yeah Yeah Yeahs ("Asked if I would try to leave this all behind")
null3 Council Estate - Tricky ("But remember, BOY, you're a SUPERSTAR!")
null4 Run Boy Run - Woodkid ("Tomorrow is another Day.")
null5 Blood - In This Moment ("I love you for every time you gave up on me!")
null6 Supermassive Black Hole - Muse ("Superstars sucked into the Supermassive")
null7 Infinity Guitars - Sleigh Bells ("Infinity Guitars, aha aha ahaaa!")
null8 Spur - Herbert Grönemeyer ("Bis auf den Grund meiner Natur.")
null9 Demon Seed - Nine Inch Nails ("And I'm reaching the point: Yeah Yeah Yeah Yeah!")
eins0 The Great Destroyer - Nine Inch Nails ("Just in case they could be watching...")
eins1 Everybody's Free (to wear Sunscreen) - Baz Luhrmann ("Dance!")
eins2 Sour Grapes - Puscifer ("To greet a new day!")
eins3 King of Bongo - Mano Negra ("Every Monkey like to be in my Place instead of me")
eins4 Runs in the Family - Amanda Palmer ("Sometimes you're born with it!")
eins5 All the Love in the World - Nine Inch Nails ("Why do you get all the love in the world?")
eins6 In the City - Kevin Rudolf ("Every Day I'm Alive in the City")
eins7 Professional Griefers - Deadmau5 ("We got Machines but the Kids got Jesus.")
eins8 Beyond the Sea - Bobby Darin ("My lover stands on golden sands and watches the ships...")
eins9 Solsbury Hill - Peter Gabriel ("Grab your things, I've come to take you home!")
zwei0 Piggies - The Beatles ("Have you seen the little piggies?")
zwei1 Fur-Lined - How to Destroy Angels ("Is this really happening?")
zwei2 Big Spender - Lana Del Rey feat. Smiler ("A Man of Distinction - a real Big Spender!")
zwei3 I need some fine Wine and you, you need to be nicer  - The Cardigans ("Good Dog!")
zwei4 Immigrant Song - Karen O ("Valhalla, I am coming!")
zwei5 Hurdy Gurdy Man - Donovan ("'Tis then when the Hurdy Gurdy Man comes")
zwei6 Still Alive - GLaDOS ("And the Science gets done.")
zwei7 Doncamatic - Gorillaz ("Download me!")

24.10.14

Skorpione (Totale Mobilmachung, Pt. 2)

Als Junge bekam ich auf einem Dorffest mal einen silbernen Skorpion-Anhänger mit einem grünen Smaragd geschenkt.
Ich bin nicht der Schmucktyp. Genau genommen besitze ich sogar nur zwei Schmuckstücke. Besagten Silber-Skorpion und den Siegelring meines lange verstorbenen Großvaters, den meine Großmutter vor einem Jahrzehnt - zu meinem Schulabschluss - auf meine Initialen hat ändern lassen: HS.

Ich bin Sternzeichen Skorpion - das abgefahrendste von allen. Wir sind alles, was ihr gerne wärt: Sexy, geheimnisvoll, komplex, verschwiegen, einfühlsam, vorausschauend, vertrauenswürdig, unberechenbar. Wir sind extrem gefühlvoll - aber unsere Gefühle sind keine hübsche Teiche oder malerische Tümpel, unsere Gefühle sind Sturmfluten, Dammbrüche, Schneelawinen. Unser Blick durchdringt, und ein Skorpion, der seine angeborenen Talente zu nutzen weiß, wird früher oder später deine Gedanken lesen können.

Das alles bezahlen wir mit einem unbeschreiblichen Preis. Man kann keinen Pakt mit der Finsternis schließen, ohne darunter leiden zu müssen. Unsere Leben sind per Definition bereits bipolar. Ein ewiges auf und ab, das wir anfangs nicht wahrhaben können. Wir werden magisch angezogen von der dreckigen, klebrigen und finsteren Seite der Menschlichkeit. Wahnsinn, Kultur, Politik, Krieg, Sünde, Verbrechen... wir kommen nicht weg davon! Skorpione verlieren sich liebend gerne in privaten Süchten.
Wir sind der Colonel Kurtz der Tierkreiszeichen: "Das Grauen. Das Grauen hat ein Gesicht. Und man muss sich das Grauen zum Freund machen. Das Grauen und der moralische Terror sind deine Freunde. Falls es nicht so ist, sind sie deine gefürchteten Feinde!"

Kurz gesagt: Wir sind in-ten-siv. Was uns so sexy macht ist auch leider genau das, was uns als "unnötiges Risiko" abstempelt. Für immer. In einer christlich-geprägten Kultur sind wir der Judas-Archetyp. Absolut notwendig. Aber auch absolut missverstanden.

Man sagt, Skorpione machen drei Phasen in ihrem Leben durch, weswegen unser Tierkreis als einziger auch drei unabhängige Symbole besitzt: Stufe 1: Der Skorpion (Wut und Aggression), Stufe 2: Der Adler (Würde und Weitblick) und zuletzt Stufe 3: Die Taube bzw. Der Phönix (Frieden, Wiedergeburt und Veränderung).

Stufe 2 - den Adler-Level - erreichen wir, sobald wir verstehen - nicht wissen, glauben oder ahnen, sondern physisch verstehen - dass es völlig okay ist, wie unsere Leben dauernd auf und ab gehen. Wir müssen unseren inneren Nixon finden.

Wie man Stufe 3 erreicht, den Phönix-aus-der-Asche, darüber schweigen die Experten. Ich schätze, Charles Bukowski hatte an dem Problem geforscht, denn er sagte einst: "Man muss erst ein paar mal sterben, ehe man wirklich leben kann."
Oder man muss erst eine ausgetrocknete Welt vorfinden, die sich niederbrennen lässt.

Ach ja.
Skorpione.
Gotta love 'em!


23.10.14

Ein einfaches Internet

In diesen Tagen habe ich den Eindruck, dass man das gesamte westliche Internet mit einem Team aus vielleicht 500 Leuten schmeißen könnte.
Damit meine ich nicht den technischen Aufwand: Webdesign, Infrastruktur, Hosting... all der technische Kram verschlingt sicher die Zeit einer Unzahl von Fachinformatikern und Autodidakten. Selbst das kümmerlichste Startup benötigt mindestens einen Praktikanten.

Was ich wirklich meine, ist die Oberfläche: Das, was die Bösen im letzten Jahrzehnt verächtlich den "Content" getauft haben. Wir erinnern uns: Die Gründe, wieso das Internet seinen Siegeszug antreten konnte, waren seinerzeit nicht die einfache Bedienung und das beruhigende Gefühl von Sicherheit - fuck nein, der einzige Grund, wieso das Internet je zu etwas mutieren konnte, was heute Börsenkurse erbeben lässt, war Das Angebot: All die Informationen! All die Geheimnisse! All die Pornographie! All die Sprache! Ich will alles - all die Puzzles, all die Rätsel!

Als Modems noch Lieder singen mussten, ehe man online gehen durfte. Als Spiegel Online noch seriös war. Als die Schöpfer von Google und Facebook noch mit Lego Technik spielten. 


Während ich gestern Nachmittag bis zu den Ellbogen in den Eingeweiden unserer Webseite steckte, um einen geheimnisvollen Bug auf den Grund zu gehen, der in automatisch generierten eMails alle Umlaute und Sonderzeichen verhunzt, brach der Anschlag von Ottawa über meine Feeds herein. Ich erkannte die Gelegenheit: Die ganze Welt war in dem Moment so schlau wie ich, denn journalistisch war nicht mehr möglich, als #Ottawa bei Twitter zu folgen... oder mal auf die Webseite des kanadischen Parlaments zu pilgern, und herauszufinden, dass als erste Sitzung eine Diskussion über die medizinische Versorgung kanadischer Armee-Veteranen anberaumt war.

Ich war schockiert von dem, was ich auf Twitter sah: Welle um Welle der selben paar Textbausteine, die in immer wieder den selben Schattierungen getweetet, retweetet und zertweetet wurden. Es sah aus wie ein verrückter Chatroom voller auf Panikmache programmierter Spambots! Merkwürdiger noch war, dass irgendwelche Algorithmen im Hintergrund tätig waren, die den Effekt nur noch verschlimmerten: Ich experimentierte selbst, postete unter dem Hashtag, doch meine von Menschenhand getippte Meldung wurde nie veröffentlicht - Twitter wählt sorgfältig aus, welche Tweets es einem anzeigt und welche nicht. Systempresse 2.0.

Ich zuckte mit den Schultern, vermutete einen von geheimer Hand befohlenen Schweigemantel und machte mich wieder an meine Arbeit. Mein Leben ist zu einem nie enden wollenden Kapitel eines William Gibson-Romans geworden.
Offiziell war Ottawa nicht meine Story, auch wenn sie mich interessierte. Also fing ich mit einem anderen Projekt an, das bereits seit Monaten gärt, und brachte endlich das Design dieser Seite hier auf den Stand von 2014.

Aber, um die Schleife zurück zum Anfang zu schnüren: Ich bin fest überzeugt, dass man das Internet, wie wir es heute erleben, mit plusminus 500 Leuten schmeißen könnte. Wie komme ich auf diese Zahlen?
Man bräuchte zwei bis drei Kern-Teams aus Bullshit-Autoren, die auf Englisch die Nachrichten der kommenden Tage erfinden - weltweit. Sagen wir 60 Leute, die sich alle gegenseitig Konkurrenz machen. Auf jeden Autor kommen 5 Übersetzer und "Variierer", die den Bullshit für die relevanten Feeds vorbereiten: AP, Reuters, die Newsletter aller Lobbyisten. Damit wären wir bei 360 Leuten. Nochmal 50 Leute, die als "relevante Experten" in verschiedene Rollen schlüpfen und die Telefone von hunderttausenden gefälschter Telefonnummern beantworten würden. Und die restlichen Köpfe verteilen sich auf Management und Special Effect-Teams.

Was natürlich nur ein Gedankenspiel ist - das auf eine Frage hinaus möchte: Wann genau haben wir, so als Gesamtspezies, eigentlich beschlossen, unsere globalen Bewusstseinsstrom an die Porno-Schleuder Internet abzutreten?