25.01.15

Once more into the fray...

Das Besiegen innerer Schreibblockaden geschieht durch die Realisation, dass es okay ist, auch mal scheiße zu tippen. Die Jagd nach der Wahrheit - vor allem der Wahrheit zwischen den Zeilen - kann mühselig, frustrierend und psychotisch sein. Merkwürdige Gefühle können einem die Haut hinauf krabbeln, wie Käfer und Spinnen, und das einzige was es zu ehren gilt, ist Die Deadline.

Wenn kein Aschenbecher da ist, tja, dann benutz den Großen...

Während ich heute Nacht meine Charlie Hebdo-Story auf Vordermann bringe - ready for the printing presses - wird sich das Schicksal Europas entscheiden, einmal mehr. Griechenland hat gewählt, und wenn meine tägliche Lektüre des Handelsblatts mich eines gelehrt hat, dann dass Freier Wille und Freie Märkte sich gegenseitig ausschließen.

Wir machen uns lustig über russische Verhältnisse... dabei ist der Euro 2015 die Ramsch-Währung des Planeten. Wir wollten eine europäische D-Mark und endeten bei der europäischen Lira. Ist das gut oder schlecht? Trotz Abitur verstehe ich nicht einmal annähernd genug von Wirtschaft, um das qualifiziert bewerten zu können. 
Relativ gesehen ist alles was wir haben nun weniger wert als vor der Einführung des Euros. Oder anders ausgedrückt: Wir haben uns ein Jahrzehnt lang umsonst Mühe gemacht.

Parallel köcheln gerade: Der Ukraine-Konflikt, Euroas Terror-Sinnsuche, der Exodus der Griechen, schwammige Zeiten in Saudi-Arabien, eine un-twitter-bare Revolution im Jemen, der ISIS-Krieg und der darin verwickelte Bürgerkrieg in Syrien sowie handfeste Unruhen in Ägypten.
Und das habe ich bloß geschrieben, um mich selbst zu vergewissern, dass mein Gedächtnis noch einigermaßen funktioniert.

Manche sagen, unser Planet ertrinke gerade in Konflikten und Ignoranz, manche sagen, es sei schon immer so gewesen und die Berichterstattung würde bloß die Lage verzerren - und wiederum andere sagen, dass nichts davon wirklich geschehe, dass alles nur eine Illusion sei, und dass wir bloß aufwachen müssten.

Once more into the fray, into the last good fight I'll ever know...

18.01.15

Deutschland schafft mich ab

Was für eine kaputte Art, ein Jahr anzugehen: Terrorwellen. Geiselnahmen. Hausdurchsuchungen. Namenslisten. Proteste. Karikaturen. Das geheimnisvolle Treiben der EZB. Blinder Aktionismus. Propaganda und Lügen in der Presse....

Ich scheiß drauf. Ich werde mir meine eigene Nische in dieser Welt erkämpfen, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln, selbst wenn ich mit Klauen und Zähnen kämpfen muss. Ihr vertreibt mich nicht, und jetzt, da ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas habe, das ich nicht verlieren möchte, könnt ihr euere Bemühungen zwar gerne intensivieren - aber macht euch keine Hoffnungen, dass ich dieses Jahr den Ball fallen lasse. Ich hab mir diesen kindischen Affenzirkus und euere Bullshit-Philosophien zu lange angehört, als dass ihr jetzt meine Ignoranz verdient hättet.

...Flugzeugabstürze. Die Schwarze Null. Großeinsätze. Das Jammern um den Mindestlohn. Francogeddon und nicht zu vergessen ISIS - die vielleicht populärsten Bösewichte aller Zeiten, zusammen mit ihrem gut geführten Netz aus Zellen, Schleusern und Predigern...

Weiter weiter ins Verderben. Ein Gefühl der Unbesiegbarkeit macht sich irgendwann breit, wenn man sich zu lange mit den Skandalen und Lügen des frühen 21. Jahrhunderts auseinandersetzt. Egal was die verbocken - ich habe meinen Kahn immer auf Kurs gehalten. Ich bin nicht bloß eine Kopie meines Zeitgeistes. Und, so sehr ich gerne über meine gefühlte Armut klage: Mir geht es besser als es mir je in meinem Leben ergangen ist, im fiskalen Sinne. "Womit verdienst du dein Geld?" Oh, ich verfasse gonzojounralistische Gesellschaftsanalysen für Deutschlands ältestes Kiffermagazin! "Scheint ja zu laufen..."

...Wolfgang Schäuble und seine wahnsinnige Sicht der Dinge. Die Möglichkeit einer Revolution im Pulverfass Athen. Die Wutbürger und die Post-Demokratie. Die Russland-Sanktionen, die so sinnvoll sind wie ein Blowjob während eines Herzinfarkts...

Einer meiner besten Freunde rief mich im Dezember an, schwer betrunken: Er will alles hinschmeißen und nach China auswandern. Englisch lehren, Deutsch, was auch immer. Ich würde mir keine Vorstellung machen, wie einfach dieser Fluchtweg aus der Matrix sei. Ich schnalzte irgendwann beeindruckt mit der Zunge und hörte auf, es ihm auszureden. Gestern erhielt ich via WhatsApp mehr oder weniger den selben Gedanken, von meiner besten Freundin, die sich nach Taiwan abgeseilt hatte und nun wahre Skrupel hat, wieder zurück zu kehren in den Schoss des alten, untergehenden Europas...

...die Pegida-Hysterie ("Das Hanuta des Rassismus"). Die Korruption der EU. Der Verfall der Universitäten. Die Verzweiflung der ehemaligen Steueroasen. Der pauschale Effekt der Afrika-Berichterstattung. Das Zeitungssterben. Die DAX-Blase. Der abschmierende Öl-Preis. All die Untersuchungsausschüsse...

Rückblickend erscheint es mir nahezu Noah-mäßig, wie ich die letzten Monate verbracht habe. Zugegeben, mein sozialer Status hat empfindlich gelitten - seit ich nicht mehr als Student durchgehe, kann ich meine Party-Einladungen an einer Hand abzählen. Dennoch habe ich mir eine Menge Gedanken gemacht um Dinge, die sich bald als hochgradig nützlich herausstellen könnten: Wie navigiere ich, wenn alle Smartphones tot sind?
Und hey - ich kann mein soziales Leben auch mal vernachlässigen. Was gibt es denn bitte schön noch über die Menschen zu lernen, das ich nicht (leider) schon weiß?

...Angela Merkels rhetorischer Stil. Totale Vorratsdatenspeicherung. Negative Zinsen. Währungsverfall. Inflation. Deflation. Seitwärtsbewegungen. Volatilität. Voodoo-Economics...

Die Spirale dreht sich! Fuck Psychologie... jeder, der in den letzten 20 Jahren eine gepflegte Depression ertragen musste, fühlt sich heute bestätigt: Wir hatten all die Jahre recht! Unser ganzes schönes Kartenhaus ist wirklich nur bedeutungsloser Schein! Und während es da so wackelt und bebt unter jedem neuen Windzug der Geschichte, wächst unser Grinsen. Die Depressiven von gestern sind die Anführer von morgen. Wir wissen damit umzugehen.

...grassierende Obdachlosigkeit. Die Nazi-ternative für Deutschland. Der Gender-Streit. Die New World Order. Verschwörungstheorien überall...

Ich könnte weiter auflisten, aber ich fürchte, mein Argument ist bereits eingesickert. Wer soweit gelesen hat, liest auch wirklich jeden Mist zu Ende.
Dann tu mir einen weiteren Gefallen: Hilf mir, den Optimismus dieser Welt wieder zu entfachen! Wir verwenden die bewährten Methoden!

11.01.15

Allahu Akbar // Allons enfants [Die Paris-Anschläge]



Allons enfants de la Patrie
Le jour de gloire est arrivé !
Contre nous de la tyrannie
L'étendard sanglant est levé...


Gott ist groß... nachdem er sich fünf Millenia lang anschauen musste, was seine Schöpfung in seinem Namen da alles treibt, ausheckt und argumentativ herleitet, müsste er eigentlich einen höchst entwickelten Sinn für Zynismus besitzen - gepaart mit einer Engelsgeduld...

"Kommt ein Fundamentalist zum Karikaturisten..." und schießt ihn über den Haufen, weil er den falschen Propheten beleidigt hat. Ich verbrachte den gesamten 7. Januar vor Live-Streams und Nachrichtensendern und ließ all dieses unfassbare Elend über mich einbrechen. Am Abend versammelte ich meinen französischen Brain-Trust und diskutierte die Lage.

Frankreich und Deutschland unterscheiden sich auf wesentliche Arten: Wo Deutschland föderalistisch ist, ist Frankreich zentralistisch - alles ist Paris, der "Französischen Insel", untergeordnet. Und wo Deutschland offiziell "christlich" und "abendländisch" ist, sieht sich Frankreich seit seiner Revolution als laizistisch, als post-religiös: Staat und Kirche(n) bleiben fein säuberlich getrennt.
Aber auch in einer anderen Hinsicht unterscheiden wir uns empfindlich: Wo Deutschland sich seit Jahren zähneknirschend mit den Fallstricken der "Integration" auseinandersetzt, hat Frankreich - trotz seiner kolonialen Vergangenheit - dieser Debatte immer wieder verwehrt. Minderheiten vegetieren chancenlos in Banlieus - und es gärt ein folgenschweres Missverständnis: Diese "Fremdenfeindlichkeit" ist nicht bloß durch Rassismus bedingt, sondern durch ein Lebensgefühl. Um in Frankreich aufzusteigen, muss man gut darin sein, ein Franzose zu sein... glauben die Franzosen. Die Randgruppen, die gerade in der Krise abgehängt und abgeschrieben wurden, teilen diesen Enthusiasmus aber schon lange nicht mehr... falls sie überhaupt je daran geglaubt haben.

Das führt zu mehreren, für uns Deutsche nur schwer nachvollziehbare Charakteristika, die in der Charlie Hebdo-Story wichtig sind: Paris ist nicht bloß eine Groß- oder Hauptstadt, es ist Das Veritable Herz Der Fünften Republik!
Bonn, München, Berlin, Frankfurt... unser Land ist voller Möchte-Gern-Hauptstädte, aber sie alle sind bloß Ausdruck der jeweiligen Provinzialität. Paris repräsentiert für die französische Nationalidee die Perle in der Auster, die Spitze der Nahrungskette, die Schatzkammer, die seit Jahrhunderten gefüllt wird - mit Ideen, mit Namen, mit Kunstwerken, mit Beute, mit purer Geschichte.

Und: Die Franzosen haben einen fein gestimmten Sinn für Presse- und vor allem Meinungsfreiheit - Franzosen werden dazu erzogen, sich aufzuregen. Einem meiner Freunde blieben die Worte weg, als er versuchte mir zu beschreiben, wie perfekt dieses Ziel gewählt war - Journalisten, Linke, Zyniker, Satiriker, Zeichner... die sich sowieso bereits seit Jahren überall Feinde gemacht hatten, aber dem immer selbstbewusst trotzen konnten.

"Terreur" mag zwar aus dem Französischen stammen, aber die französische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts kann mit dem Konzept nur noch schwer umgehen. Als laizistische Nation des "alten Europas", die sich einst noch gegen George W. Bush gestellt hatte, war man über ein Jahrzehnt lang ungeschoren davon gekommen. Jetzt, 2015, plötzlich mit der grimmigen Fleischerhakenrealität der katastrophalen globalen Lage konfrontiert zu werden, ist eine empfindliche Zwickmühle. Denn die Franzosen haben kein Talent für Paranoia.
Frankreich ist heute in vier Ländern unter UN-Mandat militärisch präsent, in Mali und Libyen ganz ohne Mandat unterwegs und - ebenso wie wir Deutsche neuerdings - knietief verstrickt in der "Bekämpfung" des Post-Amerikanischen "ISIS"-Gespenst in Syrien und Irak.

Der französische Staat ist eine Art gutmütiger, hochnäsiger Riese - und ihn zu bescheißen ist der liebste Volkssport der Nation. Wie in allen großen Demokratien ging mit jedem der letzten Präsidenten ein Stück Interesse flöten: Jacques Chirac hinterließ das Land 2007 pleite, Nicolas Sarkozy pisste auf Jahrzehnte zurückhaltender Außenpolitik und hinterließ das nun auf "neo-konservativ" getrimmte Land 2012 an den linken Francois Hollande, der seitdem alle Rest-Glaubwürdigkeit sukzessive verloren hat in einem Malstrom symbolträchtiger, aber unpopulärer Maßnahmen und hilfloser Reformen.

Und hey - wir sollten niemals vergessen, woher der Wind weht, wenn heute wieder so heftig über "Islamisierung" gewettet wird wie Anno 2002: Die Franzosen stecken seit sechs gottverdammten Jahren in der selben ausweglosen Wirtschaftskrise wie wir, mit weitaus schlechter geschönten Arbeitslosenzahlen. Auch dort sind bald alle Reserven aufgebraucht. Die Gürtel können nicht mehr sonderlich enger geschnallt werden. Wir alle wissen es, dass man keine Gesellschaft auf Mini-Jobs und Zeitverträge aufbauen kann - und das hungrige Knurren unserer Mägen wandert uns langsam den Hals hoch... wird zu einem Knurren auf den Lippen, das jedem Fressfeind gewidmet ist, der sich unserem Napf auch nur nähert.
Insbesondere dunkelhäutige Fressfeinde... für die wir schon immer eine Myriade unflätiger Worte gefunden haben, mal mehr und mal weniger politisch korrekt.
Will sagen: Wir können keine Debatte über Islam- und Fremden-Angst führen, ohne uns einzugestehen, dass wir sie aus einer kollektiven Verzweiflung heraus führen, nicht weil wir gerade Muse dafür haben!


Dennoch reagierte die Grande Nation in den ersten beiden Tagen sehr geschmackvoll. Die Franzosen in meinem Umfeld waren eher massiv vor den Kopf gestoßen als von Wut oder Ohnmacht erschlagen. Ihr Land steht an der Spitze der ersten Welt und definiert nonstop das, was "zivilisiert" bedeutet und was nicht.
In einer Stadt, in der ein Appartement mehr wert ist als ein mittelständischer Betrieb sonstwo auf der Erde, tja, da richten Kalashnikov-Salven und Raketenwerfer eine besondere Art von Schaden an.

Zumal unser wichtigster Verbündeter seit Jahren schon gefährlich mit dem Faschismus flirtet. Die französische Rechte waren die ersten, die die Zeichen der Zeit deuteten, als sie Marine Le Pen zur Vorzeige-Nationalistin ausriefen: Alors, wir treffen uns auf halber Strecke zwischen Faschismus und Feminismus! Unzufriedenheit und Xenophobie konnten sich schon immer großartig gegenseitig hochschaukeln.

Über lauter solche Facetten brütete ich, als ich am Mittwoch die Videos sah, die Anwohner von der Flucht der mutmaßlichen Islamisten gefilmt hatten.
Merkwürdige Fragen schossen mir durch den Kopf:
  • Haben radikale Fundamentalisten jemals auf solche para-militärische Weise Anschläge verübt?
  • Wo haben die beiden im best-überwachtesten Land Kontinental-Europas einen Raketenwerfer her?
  • Profitiert außer der französischen Rechten irgendwer sonst noch von dieser Aktion?
  • Wenn es ein Anschlag war, wieso bekennt sich niemand dazu?
  • Wenn die Regierung in den Wochen zuvor wirklich mehrere Anschläge verhindert hat und alle mutmaßlich Beteiligten unter Überwachung standen, wie konnte dann so ein komplexer Anschlag so gut vorbereitet sein?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Attentäter seinen Führerschein bequemerweise im Fluchtauto liegen lässt?
Es folgten anderthalb Tage der Spekulation und der Sinnsuche. In einer von Parisern als gespenstisch beschriebenen Stille und Andacht gingen bereits am Mittwochabend hunderttausende auf die Straße, standen in kleinen Gruppen beisammen und suchten die gemeinsame Öffentlichkeit. Die unfreundlichste Stadt Europas war auf einmal geeint in einer kollektiven Ernüchterung... und konfrontiert mit einem neuen Gefühl einer angstvollen Unendlichkeit an Implikationen?

Place de la République am Abend des 7. Januars 2015
Politisch gesehen war aber alles klar: Dies würde eine Steilvorlage für Marine Le Pen sein, Frankreichs Wannabe-Führerin. Die Regierung Hollande hätte am ersten Tag bereits klare Fakten schaffen müssen, um aus diesem Fiasko noch einen Sieg machen zu können. All diese verrückten Sicherheitsgesetze, nach denen sich deutsche Überwacher die Finger lecken, existieren bereits lange in Frankreich - die totale Vorratsdatenspeicherung, Militäreinsätze im Inneren und eine Latte von Geheimdiensten, deren Name kein Franzose kennt.
Statt dessen peitschte sich die Stimmung an Tag zwei gefährlich hoch, die Attentäter wurden an zig Orten gleichzeitig gesichtet, während auf dem Land die ersten Übergriffe auf muslimische Einrichtungen hereinbrachen. Der erste der drei mutmaßlichen Komplizen - ein 18 jähriger Junge, stellte sich am Morgen den Fahndern und konnte beweisen, dass er zum fraglichen Zeitpunkt in der Schule saß und nicht in Paris Menschen ermordete.

Marine Le Pen
Und gestern fielen die Dominos. Drei Attentäter, nun alle tot, und eine Frau auf der Flucht.

Was ich selber nicht glauben wollte scheint nun gewiss: Wir stehen wirklich im Krieg... und sie stehen gottverdammt nochmal schon vor unseren Hauptstädten. Ich bin selber ein Satiriker, ich bin selber begeisterter Vertreter (und Verkünder!) meiner eigenen Meinungen, ich bin selber Journalist - und ich weiß, ein Angriff auf einen von uns ist ein Angriff auf alle! Ich habe gottverdammt noch mal Leute in Paris, um deren Sicherheit ich mir immense Sorgen mache!

Aber ich bin (a) Deutscher und (b) paranoid - und infolge dessen neige ich dazu, überall Reichstagsbrände zu sehen... zwielichtige Fanale der Geschichte, die bösen Kräften zur Macht verhelfen, weil sie ungenügend hinterfragt wurden. Siehe Mister Bin Laden.
Die Zeitgeschichte hat meine Generation an der Nase herum geführt, seit wir Fernbedienungen benutzen können... und wir wurden von Fernsehern erzogen, weil es stillschweigend geduldet wurde.
Jetzt haben wir den Salat.
Ich weiß, wie ich persönlich mit diesem ganzen moralischen Dilemma umgehen kann - dem Gefühl der Gefährdung, dem Balance-Akt zwischen Toleranz und Sicherheitsbedenken, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Meinung und Hetze.

Aber mittlerweile ist alles klar: Wir haben Geständnisse auf Tonband. Bekennerschreiben aus dem Jemen, vertrauensvoll an AP weitergegeben. Die Narrative ist gesponnen, gut ausgebildete Journalisten haben das Puzzle aus Internet-Gerüchten zuverlässig zusammengesetzt (siehe etwa hier für ein deutsches Beispiel) und alles ist klar... oder?


Checken wir doch einfach mal die 5 journalistischen W-Fragen: Wer, Wo, Wann, Wie und Warum.

Wer?
Chérif und Saïd Kouach (32 und 34), zwei Brüder mit algerischen Wurzeln, beide Kleinkriminelle. (Saïd verlor seinen Personalausweis im ersten Fluchtwagen, laut Berichten zusammen mit islamistischen Flaggen und Molotovs)
Amedy Coulibaly  (32), ebenfalls ehemaliger Kleinkrimineller.
Hayat Boumeddine (ALTER?) wurde zunächst als Komplizin bei der Ermordung der Polizisten am 7. Januar bezeichnet, später wurde veröffentlicht, dass sie der rekonstruierte Link zwischen Coulibaly und den Kouach-Brüdern darstellte: Sie habe mehr als 500 Telefongespräche mit der Lebensgefährtin eines der Brüders geführt. Sie ist als einzige Verwickelte noch am Leben und auf der Flucht.



Unbekannter dritter Mittäter/Fluchtwagenfahrer: Ursprüngliche Fahndung nach drei Attentätern. Zunächst gesuchter Kouach-Komplize stellt sich; Coulibaly-Beteiligung am Charlie Hebdo-Anschlag spekuliert, aber nicht nachgewiesen.

Wo?
Paris, 11. Arrondissement (Rue Nicolas): Kouach-Anschlag auf Charlie Hebdo-Redaktion, Mittwoch
Reims: Wohnungsdurchsuchungen, Mittwoch
Montrouge (südlich von Paris): Coulibaly-Schüsse auf Polizisten, Donnerstag
Villers-Cotterêts (zwischen Paris und Belgien): Bewaffneter Überfall auf Tankstelle während Flucht, Donnerstag
Dammartin-en-Goële (nördlich von Paris): Ende der Kouach-Flucht, Geiselnahme in Gewerbegebiet, Freitag
Paris, Vincennes: Coulibaly-Geiselnahme in koscherem Supermarkt, Freitag

Wann?
Mittwoch, 11:20 bis 11:30 Uhr Charlie Hebdo-Anschlag
Donnerstag, ca 9:00 Uhr Schüsse auf Polizisten in Paris, 10:30 Uhr Überfall der Tankstelle
Freitag, 8:30 Uhr tauchen die Kouach-Brüder in der Nähe des Charles de Gaulle-Flughafens auf, flüchten nach Dammartin-en-Goële; 12:30 Coulibaly nimmt Geiseln in Vincennes, ca. 17 Uhr Zugriff an beiden Orten

Wie?
Charlie Hebdo: Gezielter Anschlag auf Redaktionsräume durch mindestens zwei Täter, weitere tote Polizisten auf der Flucht. Medien sprechen von Kalashnikow-Maschinengewehren und einem "Raketenwerfer".
Montrouge: Berichte sprechen von "Maschinengewehrschüsse auf Polizisten", keine weiteren Details, Polizei lässt Zusammenhang zu Charlie Hebdo zunächst offen.
Villers-Cotterêts: Bewaffneter Überfall auf eine Tankstelle, Zeugen berichten von Waffen und Details der Charlie Hebdo-Angriffe.
Dammartin-en-Goële: Flucht endet in einem Gewerbegebiet, zu dem die Täter keinen Bezug zu haben scheinen. Ein Mitarbeiter eines Unternehmens wird als Geisel genommen.
Vincennes: Kurz nach Dammartin-en-Goële nimmt Coulibaly die Kunden eines koscheren Supermarkts als Geiseln, um die Kouach-Brüder zu unterstützen. Vier Menschen werden sofort ermordet. 
Gegen 17 Uhr am Freitag greift die Polizei an beiden Szenen zu, keiner der drei Attentäter überlebt.

Warum?
Während des Charlie Hebdo-Anschlags sollen die Angreifer gerufen haben "Allahu Akbar" ("Gott ist groß"), auf dem später im Internet aufgetauchten Video sei zu hören "Wir haben den Propheten gerächt," "Wir haben 'Charlie Hebdo' getötet!"



Nach dem Zugriff der Polizei veröffentlichen Medien Telefoninterviews mit Amedy Coulibaly und den Kouach-Brüdern. Beide widersprechen sich, Coulibaly behauptet, die Aktion sei abgesprochen, er sei von "Al-Quaida Jemen" ausgebildet worden und würde auf Befehle des vor vier Jahren getöteten Anwar Al-Awlaki handeln.
Ebenfalls nach dem Ende der Geiselnahme veröffentlicht AP eine Bekennernachricht aus Jemenitischen Kreisen, das die gesamte Verantwortung übernimmt... und nur deswegen post-hum veröffentlicht wurde, um die Täter zu schützen. The Intercept hat mittlerweile eine Übersetzung des Statements, das allerdings nur von AQAP (Al Quaida Jemen) zirkuliert, nicht bestätigt wirdCNN hat ein knapp 2 Minuten langes Video von Coulibalys Konversation mit seinen Geiseln - darin betet er die djihadistische Standard-Argumentation herunter: Entweder sind wir direkt schuldig, weil wir Moslems angreifen oder indirekt schuldig, weil wir wegschauen.

Keine Fragen mehr, euer Ehren.... obwohl, doch:
  • Von Paris aus kann man Frankreich binnen Stunden in diverse Richtungen verlassen. Wieso waren die Charlie Hebdo-Täter 2 Tage später nicht weiter gelangt als wieder zurück nach Paris?
  • Wie kann man sich Maschinengewehre und Raketenwerfer besorgen, während man unter polizeilicher Überwachung steht?
  • Woher haben drei Kleinkriminelle die Logistik? Inklusive Zugang zum Charlie Hebdo-Terminkalender?
  • Wieso jetzt, beinahe ein Jahrzehnt nach dem Karikaturen-Streik? Und... weiter gedacht, wer hätte sonst noch Interesse an einer Rache an Charlie Hebdo?
  • Wenn alle Täter bereit waren, Märtyrer zu werden, wieso flüchten sie dann? Und wenn sie flüchteten, wieso flüchteten sie dann im Kreis?
Zur Stunde (Sonntagabend) gehen in Paris immer noch Millionen Europäer auf die Straße und rufen in Chören "Char-liberté" oder "Liberté d'expression". Die Grande Nation ist nicht paralysiert, nicht geschlagen und nicht demotiviert. 
Das Land ist vielmehr aufgewacht... in einem tristen, neuen Zeitalter. Und ich fürchte, es wird dem ersten nachlaufen, der ihm vorgaukelt, dieses triste Welt verdaulich zu erklären.
Und Schutz zu versprechen.


Unser Nachbar hat nun eine offene Wunde - eine Wunde wie die, durch die sich die amerikanischen "Neo-Konservativen" mit dem Virus des Faschismus infiziert haben. Zwischen all der Anteilnahme und all dem gerechten Zorn finden wir jetzt die üblichen Brandstifter aus allen Seiten. Mehr Überwachung. Weniger Einwanderung. Schärfere Gesetze. Ein Ende des Schengen-Traums vom freien Europa.

Aber... wo bleiben die Forderungen nach Frieden?

Dies war Europas 11. September. Sie mussten kein Hochhaus einreißen, um unser Ego zu erschüttern. Sie zerschossen unseren Sinn für Humor.