16.03.12

A Man on the Move

Was für ein grausamer Schlag des Schicksals: Seit Wochen kann ich schlafen. Jahrelang, so lange ich dieses gottverdammte Rum-Tagebuch schon schreibe & auch schon davor, war ich eine Nachteule. Schlaf kam nie leicht für mich, er musste hart erkämpft werden: Mit durchgemachten Nächten, destilliertem Alkohol, autogenem Training oder einer fein duftenden Auswahl an beruhigenden Kräutern. 
Doch in diesen Tagen schaffe ich es kaum über 1:00 Uhr hinaus, ehe mich Der Schlaf Der Gerechten übermannt. Und schlimmer noch: Zu absolut unnatürlichen Zeiten, 8:00 Uhr morgens, manchmal 9:00 Uhr, werde ich wieder wach. Ausgeruht, entspannt, voller Energie & Tatendrang.

Mir macht das Sorgen, und auch meine Freunde fangen an zu munkeln. "Das sind die ersten Anzeichen von seniler Bettflucht," konsternierte der Kasache, auf meinen akademischen Missbrauch von "Amnesia" anspielend. Und vielleicht hat er recht. Vielleicht hat mein Gehirn allen Missbrauch geschluckt, dem ich ihm die Jahre über zugemutet habe, und hat nun endlich den Schalter umgelegt: Normale Zeiten, gesunder Schlaf, das beginnende Spießertum.

Gestern Nacht saßen wir auf einem stockfinsteren Miniatur-Verkehrsübungs-Platz, wo Grundschüler Fahrradfahren lernen können. Es ist eine glorreiche Anlage, wie ein Art Minigolf-Kurs - ein Relikt aus der Ära Kohl, als die Öffentliche Hand noch Geld für solche Späße hatte. Ich war sichtlich geknickt von irgendwas, aber ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht wirklich, wovon. Ich hatte Zahlen im Kopf, und ich bombardierte meinen russischen Leidensgenossen damit: In Berlin leben 1,75 Millionen Frauen, 80% der Wirtschaft liegt im Tertiärsektor, 60% der Bevölkerung sind konfessionslos, es gibt mehr Muslime als Katholiken... alles Faktoren, die mich kirre machen mit Vorfreude. Aber der Anblick von diesem winzigen Verkehrsübungsplatz mit seinen Miniatur-Straßenschildern und seinem Center Parks-Charme weckte lange verschüttete Kindheitserinnerungen in mir.

"Manchmal frage ich mich, ob diese gottverdammte Provinz in Wirklichkeit nicht doch etwas erstrebenswertes ist," sagte ich schließlich. Der Anblick des klaren Nachthimmels, der glitzernden Sterne hinter den Silhouetten der kränklichen Fichten, irgendetwas davon hatte in mir einen Nerv getroffen. "Ich meine... all diese Stadtfeste, all dieser langweilige Bullshit, all dieser offizielle, besoffene Kram, all diese schlechte Musik... es ist, als müsste uns das alles eigentlich auch gut abgehen, wenn in unserem Leben nicht irgendwann mal was tierisch schief gegangen wäre. Das, was uns in diese elende Parallelgesellschaft katapultiert hat."
"Naja," sagte der Kasache, "was hätte schon anders laufen können?"
"Ich weiß nicht. Aber denk mal an diese Leute, die so alt sind wie wir... mit Zwanzig geheiratet haben, jetzt schon die ersten Kids kriegen, nen richtigen Beruf gelernt haben & ihn auch ausüben. Für diese Leute muss das alles hier doch richtig viel Sinn ergeben."
Der Kasache lachte abfällig: "Ja, Mann... aber diese Leute kiffen auch nicht den ganzen Tag."
"Eben," stimmte ich kichernd zu, mich an ein Gespräch früher am Abend erinnernd. "Und an deren Stelle hätten wir wohl auch so ein gesundes Interesse daran, Abschaum wie uns von der Straße zu halten." 

Es war nicht einmal 23 Uhr, aber ich war bereits müde. Ich wollte nach hause, meine Nachrichten checken, meine Termine organisieren & wieder etwas Schwung in die Sache bringen. Ich war seit dem Mittagessen am Trinken, hatte mit Rum und Bier angefangen & bin um die Abenddämmerung herum unbeabsichtigt, aber willig, in ein Vodka-Gelage in einer alliierten WG geraten, und nun, nach einer finalen Analyse des Konzepts von Heimweh, hatte ich alle Puzzleteile zusammen, um ein weiteres Mal die Augen schließen zu können und zufrieden zu sein mit dem Wissen, dass alles nach Plan läuft.

08.03.12

Zapfenstreich

Und so fiel der nächste Fürst. Für Christian Wulff spielt heute der Zapfenstreich, sein Schwanengesang hallt durch die Straßen Berlins. 

Und ich feiere das mit einem extra-großen Glas Rum, in dem die Eiswürfel klappern, und mit Violeta Parras Version von "Hasta Siempre Comandante Che Guevara", der vielleicht besten Fassung dieses grandiosen Liedes. Sieben Jahre hat es mich gekostet, bis ich diese mp3 wieder fand, nachdem ich sie das letzte Mal gehört hatte - und umso mehr genieße ich es nun, es jedes einzelne Mal zu hören.
Es erinnert mich an einfachere Zeiten, an Zeiten von Links und Rechts, von ungesicherten Lagerfeuern und zertrümmerten Stoßstangen. 

Die "Casa Wulff", wie wir das aktuelle Trauerspiel unserer Regierung nennen, kratzt mich bis zum heutigen Tag herzlich wenig, und es hat mich an jedem beliebigen Morgen der letzten drei Monate viel Überwindung gekostet, Spiegel-Online oder dessen Geschwister aufzurufen, und mich durch den neusten Wust an Schlagzeilen und Livetickern zu quälen. Heute lautet die Überschrift dort "Mit Paucken und Vuvuzelas", und ich kann mir den Rest des Artikels grob denken...
Erst letztens hatte ich eine tiefsinnige Debatte mit einer Syrierin über Würde und Ehre, und wieso wir Deutsche auf die harte Tour gelernt haben, nicht mehr in solchen Kategorien zu denken. Die Casa Wulff untermauert meinen Punkt nur zu gut, und ich fühle mich wie ein Bastard bei dem Versuch, es überhaupt auszuformulieren. Es ist, als würde man sich über ein behindertes Kind lustig machen.

Wir haben einen "Präsidenten", der die höchste Position des Staates inne hält, und doch nichts anderes tun darf als bei Anlässen zu re-präsentieren, die nur höchst wenig mit der tatsächlichen Realität des 21. Jahrhunderts zu tun haben. Anlässe, zu denen kein Hahn kräht.
Und vergessen wir nicht, weswegen unser letzter Präsident mit einem lauten "Ha!" hingeschmissen hat und uns undankbaren Banausen damit sehr eindeutig zu verstehen gab, wo wir uns unsere scheinheilige Republik gefälligst hinstecken können: Horst Köhler ging, weil er einmal zu oft einen Anflug von eigener Meinung hatte.
Er hatte sich dahingehend geäußert, dass Deutschland eine Wirtschaftsmacht sei, und dass es nun mal im gesunden Interesse einer jeden Wirtschaftsmacht sei, ihre Interessen im Ausland durchzusetzen, und sei es mit militärischen Mitteln. Völlig unabhängig davon, ob er in diesem Kontext nun an Piraten vor der Küste Somalias oder unser zweifelhaftes Mit-Streiten in Afghanistan & unsere indirekte Unterstützung für den Irak-Krieg gedacht haben mag, er hatte diese These nicht als Vorschlag vorgetragen, sondern lediglich einen ziemlich offensichtlichen Ist-Zustand beschrieben. 

Das politische Deutschland hatte ihn dafür gegeißelt. Wie könne er es wagen? Ein deutscher Präsident hat die Bienenkönigin im Herzen des Stocks zu sein, für immer Sklave und Zentrum des sie umgebenden Staates, der von ganz alleine weiß, was er zu tun hat. 

Nach Köhler war klar, dass sich Angela Merkel keinen Troublemaker wie Joachim Gauck vor den Karren spannen wollte. Zu dem ganzen Ablauf unserer letzten Präsidentenwahl hatte ich nicht einmal eine Meinung, so banal & vorhersehbar erschien mir das ganze Prozedere letztendlich. Die Unions/FDP-Achse kontrollierte die Mehrheiten, und ihr Wille wurde Fakt. Zugegeben, es war enttäuschend - warum sollte ausgerechnet ein Politiker unser Land repräsentieren? Noch dazu ein weggelobter Landesfürst... und wir alle wissen, wie man in Deutschland Ministerpräsident eines Bundeslandes wird.

Über Guttenberg konnte ich mir die Haare raufen, denn sein Fall kam mit einem echten Sinn von wagner'schem Drama; die Grenze, die er überschritten hatte, war zu heftig, der Affront gegen die Götter zu abartig, um übersehen zu werden. Die Casa Wulff hingegen ließ einen weitesgehend völlig kalt. Was, es gibt auch korrupte Berufspolitiker? Als die ersten Schlagzeilen die Runde machten, runzelte ich lediglich meine Stirn - was hatten wir denn erwartet? 

Christian Wulff hat uns mit ein paar häßlichen Wahrheiten über unser schönes Land konfrontiert, und vielleicht ist das letztendlich eine heilsame Sache. Sein Zapfenstreich beinhaltete die "Ode an die Freude" und, wenn meine Quellen korrekt sind, "Somewhere over the Rainbow". Und ich verstand, was er damit sagen wollte.
Ich verstand aber damals auch, was Gerhard Schröder seinerzeit sagen wollte, als er sich zum seinem Schwanengesang Frank Sinatras "My Way" und Kurt Weills "Moritat des Mackie Messer" wünschte. Der Tod einer Politik-Karriere ist immer ein gespenstischer Moment für uns Überlebenden.

Und um diesen besonderen Tag heute nun zu feiern, gieße ich mir einen weiteren Rum ein. Und ich erhebe mein Glas: Auf all jene, die repräsentieren.

29.02.12

I've got to see a Man about a Horse

Ja, fuck it.

Eigentlich fing der Tag damit an, dass ich einen elaborierten, weitscheifigen Kommentar zur gerade "erschienenen" Verfilmung von Hunter S. Thompsons "The Rum Diary" zu verfassen versuchte - langjährige Leser wissen, wieso, und nicken nun zustimmend - doch die Tatsache, dass ich den Film nur ein einziges Mal gesehen habe, ohne irgendwelchen Alkohol im System, deprimierte mich bereits nach wenigen Zeilen. Wie will ich über dies Story irgendetwas in Erfahrung bringen, wenn nicht betrunken auf süßem, schwarzen Rum...?

Old Pascas, meine neue Hausmarke. 

Ich bin, nach wie vor, Gonzo-Journalist - und, in den Worten meiner Mutter, ein "waschechter Alkoholiker". Aber so ist das Leben. Joseph Roth hat sich zu Tode gesoffen, während er den "Radetzkymarsch" geschrieben hat. Und ich schäme mich dafür, dass ich das Buch immer noch nicht fertig gelesen habe. 
Wäre ich ein Germanist, dann wäre das eine andere Schmach. Aber irgendwie mag ich deutsche Autoren nicht... oder meide sie, auf einem instinktiven Level. Ich habe jedes einzelne Wort von Kafka gelesen (außer seine Tagebücher & Briefe... gönnt dem armen Mann mal seine Privatsphäre!), und irgendwie nie akzeptieren wollen, dass es danach noch sonderlich besser hätte werden könnte, in deutschem O-Ton. Vielleicht habe ich zu früh aufgegeben?
Egal. Die Zukunft rollt heran, und dieser teuflische Alkohol hilft mir, das Rauschen der Zeit wahrzunehmen, wie ein beruhigendes Pochen in den Schläfen.... und ich habe mir einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, um der alten Tastatur eine Massage zu geben. Morgen früh wird der Wecker erbarmungslos klingeln, und wenn ich dann clever bin, werde ich gleich weiter saufen. Akademische Verpflichtungen stehen an... und ich sehe mich bereits, in der hintersten Reihe kauernd, Sonnenbrille tragend bei bewölktem Pisswetter, um einen neutralen Gesichtsausdruck ringend. Ich muss nichts sagen, nur Daumen drücken... und hinterher auf dem Umdruck keine Szene verursachen. Hoffentlich erwarten die nicht, dass ich den Kellner spiele... während meiner unbezahlten Zeit.

Ich brauche neue Schuhe. Der Winter war gnadenlos zu meinen Knobelbechern & den ledernen Halbschuhen. Selbst die Sohlen meiner Turnschuhe wurden dank des tägliche Watten durch mit Glassplittern und menschlichen Auswürfen überquellenden Bahnhofsunterführungen so dermaßen zerfressen und zerstochen, dass ich ihren Anblick irgendwann nicht mehr ertragen konnte. Und ich weiß schon genau, was ich mir als nächstes kaufen werde... ein paar wahre Treter. I'm gonna step on you all my way up, I'm gonna step on you all my way down...

These Boots are made for walking, meine Freunde, and that's just what they do! Leute haben immer so eine schlechte Meinung vom Schnaps, tuen so, als wäre Bier nur eine ausufernde Form von Naturheilkunde... und vergessen dabei all die großartigen Beiträge zur Kultur des Abendlandes, die ohne die Destillation nie hätten erfolgen können.

"The Rum Diary" wird warten müssen. Am Freitag wollte ich Die Spanierin ausführen, kleiner Abschied unter Freunden, doch heute prophezeite sie mir bereits ihre wahrscheinlich eintretende Krankheit. "Egal," antwortete ich, "zur Not hab die Verfilmung von Rum Diary." Sie hat keine Ahnung von Hunter Thompson, aber sie ist definitiv mit dieser Materie vertraut. Sie antwortete "Prima," mit sehr vielen Ausrufezeichen, und ich kalkulierte meinen Zeitplan neu.

Die "Rum Diary"-Story kann warten, aber sie muss geschrieben werden. Diese Flasche muss geleert werden. Dieser Film muss noch ein paar mal angesehen werden. Recherchiere, gottverdammt, wie sie es dir versucht haben beizubringen.
Und ich sollte endlich dieses Journalismus-Crashkurs-Buch lesen. 

28.02.12

grow-Artikel: Die Paranoia von Morgen: Social Networks & das Netz der Zukunft [Bonus-Material]

Ja, ein neuer ungerader Monat dämmert über uns herein, und ihr wisst mittlerweile, was dies bedeutet: Eine neue Ausgabe des grow-Magazins landet in diesen Stunden an den Bahnhofskiosken dieser Republik, und mit ihr mein neuster Beitrag zur Lage der Nation.

Aber diesmal ist es kein Höhepunkt meiner jungen Karriere. Die Prämisse war einfach: Nachdem ich in der Dezember/Januar-Ausgabe einen hochgradig optimistischen Entwurf für die Bedeutung netzbasierter Widerstandsgruppen (etwa Occupy, Anonymous, Wikileaks...) zeichnete, sollte ich für den zweiten Teil einen düsteren Gegenentwurf niederschreiben, die Paranoia und inhärente Niederträchtigkeit des gesamten Prinzips eines Social Networks ein für alle mal in deutsche Sprache bannen.



Ich kann heute nicht mehr sagen, woher diese Idee genau kam - von mir, von Klaudia, der grow-Redakteurin, an die ich mich in diesen Angelegenheiten wende, oder aus einem simplen Missverständnis. Aber es erschien mir schlüssig: Als bedingungsloser Drogenbefürworter kenne ich die Fallstricke unsicherer Kommunikation. Kein vernünftiger Junkie loggt sich auf Facebook ein & schreibt seiner Connection "Hey, ich komme gleich mal bei [Adresse] vorbei mit der Absicht, Drogen im Wert von [Betrag] Euro zu kaufen!"

Und das aus einem guten Grund. Mein "Artikel" ist arm an Fakten, die ich in diesem prophetischen Unternehmen für hochgradig kontraproduktiv hielt, doch hier mal ein paar Beispiele für zumindest rudimentäre Recherche:


Statt dessen nutzte ich meine eigenen Vorurteile & mein gefährliches Halbwissen über die Funktionsweisen der menschlichen Gesellschaft: Biased Journalism. Worauf ich hinaus wollte war die Betrachtung der globalen Gesellschaft unter den Gesichtspunkten der Spieltheorie... ein Gedanke, der mich seit Jahren fasziniert
Dennoch hatte ich seinerzeit das dumpfe Gefühl, dass die gesamten 19.335 Zeichen sich zu nicht mehr addieren als einem wirren Cluster-Fuck pessimistischer Verschwörungstheorien ohne andere Basis in der Realität als meinem ganz privaten Bauchgefühl, dass Menschen sich in letzter Konsequenz immer genau so tief in die Scheiße reiten werden, wie es ihnen maximal gewährt wird.

Ich ließ den Text in seiner fast fertigen Form vom Polen gegenlesen; er hat für gewöhnlich eine recht gut justierte Antenne für die Vibrationen des Bösen - und der Artikel schien ihm zu gefallen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt jeden Überblick verloren; die einzelnen Abschnitte des Textes so oft hin- und her geschoben, dass ich keinerlei Gefühl mehr dafür hatte, wo der Anfang und wo das Ende eines jeden Argumentes stecken könnte. Ich dachte mir, hey, im besten Falle sollte man sich den Artikel wohl vorlesen lassen, in (m)einer sonoren Raucherstimme, und sich so einfach das Gefühl vermitteln lassen, dass sich hier tatsächlich jemand Gedanken um das Thema gemacht hat, und nun nur verzweifelt versucht, die Problematik in kiffergerechte Brocken zu zerlegen, die mehr einen Eindruck vermitteln als einen konkreten Sachverhalt...

Ist es nicht das, was Journalismus letztendlich leisten soll? Die blubbernde Ursuppe brauen, aus denen sich individuelle Meinungen bilden können? Nein? Wir sollen.... Oh. Ich verstehe.

Mal sehen, was Der Leser sagt. Findet man Genuss im nahtlosen Übergang von Besonnenheit zu Analyse zu Paranoia zu totalem, bodenlosen Wahnsinn? Ist es erbaulich, so etwas auf dem Klo zu lesen? Fördert es die Verdauung? Finde es heraus: Für 3 Euro an jedem besser sortierten Kiosk.

21.02.12

Krank feiern

Typisch ich: Seit Anfang Dezember verschleppe ich jetzt schon diese Krankheit, zerre mich jeden Tag mit größerem Widerwillen auf die Arbeit und auf die Loonie-versität, schaffe es schließlich, ganze Monate vorbei zu kriegen... nur um dann am ersten Wochenende der Semesterferien mit einer waschechten Lehrbuchs-Erkältung danieder zu liegen.

Aber was soll's? Zeit zum "krank feiern", wie man links vom Rhein sagt. Zweimal nur habe ich mich seitdem vor die Tür begeben müssen, einmal um eine Einkaufstasche voll Wohlfühlnahrung aufzutreiben (Honig-Cornflakes, genug Salzstangen und -brezeln für 72 Stunden, Gulasch-Suppe in Dosen), einmal für ein würfelgroßes Stück Hasch, das mir ein befreundeter Jura-Student im 20. Semester gestern Abend an dem verlassenen, schlecht beleuchteten Taxi-Stand eines Mega-Kaufhauses verschwörerisch in die Hand drückte.

Abhusten muss man sowieso.

Zeit, dass ich mich sammele & an meinen Plänen schmiede. Wenn mein Leben eines bewiesen hat, dann dass Planung immer nur den Zufall durch den Irrtum ersetzen kann - doch es gibt einem zumindest Referenzpunkte; Stichworte, die man in Konversationen fallen lassen kann, damit man nicht wie ein ultimativer Tölpel darsteht. 
Und dabei ist mein Plan wirklich nicht kompliziert. Ich hatte H. gefragt, wie viel sie pro Monat zum Überleben braucht, und sie sagte "knapp 1.000 Euro, mit allem drum und dran". Also schrieb ich eine Mail an meinen Wunsch-Arbeitgeber, machte ihnen einen Vorschlag für einen Job, den ich für sie machen könnte, und kalkulierte auf 1.600 Euro Brutto. Sie waren begeistert.

B.F. Skinner hat gesagt, dass man das Verhalten von Menschen niemals wird verändern können. Man kann nur ihr Umfeld manipulieren, und somit indirekt auf ihr Verhalten einwirken. Wenn also mein bisheriges Umfeld hier dafür gesorgt hat, dass ich zu einem kränklichen, unmotivierten Haufen Kiffer-Abschaum geworden bin, ohne Ideale, ohne liebenswerte Qualitäten, ohne Geld und ohne großem Lebenswillen, dafür aber einem Gehirn voller kaputter Informationen und gefährlichen Halbwahrheiten - dann sollte mir Berlin garantiert den Rest geben.

Der Kasache hat mir vorgestern geholfen, diesen Groschen fallen zu lassen, als er mir - völlig weggetreten - den Unterschied zwischen Variablen, Parametern und Konstanten zu erklären versuchte. "Pass auf," sagte er, nachdem er mir einen Crash-Kurs in Gymnasial-Mathematik gegeben hatte, "Variablen können alles sein, und das macht sie problematisch. Kleine Zahlen, große Zahlen, Brüche, egal. Es können also... absurde Ergebnisse rauskommen. Deswegen rechnen wir den ganzen Scheiß immer erst mal mit Formeln aus dem 18. Jahrhundert, um ungefähr zu wissen, wo wir landen wollen. Aber das ist eben ungenau." Er zog an dem Hasch-Joint. "Und dann können wir bei den Parametern etwas einsetzen. Parameter sind wie Variablen, sie können alles sein, aber du kannst eben selbst aussuchen, was du für sie einsetzt. Sie stellen quasi die Rahmenbedingungen deiner Formel da. Und weil sie auf beiden Seiten der Gleichung auftauchen, kannst du Abhängigkeiten schaffen zwischen deinen Parametern und den Variablen... alles wird konkreter. Mit jedem Schritt der Gleichung fällt dann mehr heraus... und am Ende hast du ein Ergebnis für eine vorher unbekannte Variable."

Ich beäugte ihn misstrauisch - doch eigentlich waren nur meine Augen zugeschwollen. "Okay," sagte ich, durch den Mund atmend. "Und wo ist dann der Unterschied zu Konstanten?" Er zuckte mit den Schultern: "Na die sind konstant!" - "Also sind Parameter besser?" - "Auf jeden Fall! Nur die erlauben dir, zu verlässlichen Ergebnissen zu kommen."
Ich nickte. Er hatte bei seiner Erklärung eine Menge mit den Händen in der Luft herum gefuchtelt, und das half mir, seinen Punkt zu verstehen.

Parameter, Kostanten, Variablen. Ich brüte immer noch darüber, wie sich diese neue Sichtweise auf meine aktuelle Lage anwenden lässt. Bin ich eine Konstante? Ist mein Verstand eine Variable? Und Drogen meine Parameter? Ich versuche mir die Myriaden von Pfaden vorzustellen, die mein Leben wird nehmen können, und ich weiß, dass manche Wege in meinem absoluten Glück und immerwährenden Erfolg enden, während andere Pfade dazu führen, dass ich von einem Strick baumele oder mir in einer unventilierten Garage mit Kohlenmonoxid das Leben nehme. Absurde Ergebnisse.
Obwohl ich weiß, dass meine Entscheidungen nur 50% der Miete sind. "Your choices are half chance," wie das Lied sagt, "and so are everybody elses."

Seit die Leute spitz gekriegt haben, dass ich nach Berlin verschwinden werde, ist meine allgemeine Beliebtheit in ungeahnte Höhen hochgeschnellt. Jeder möchte jetzt noch eine letzte Audienz mit mir. Das Echo ist überwiegend positiv, insbesondere von den Leuten, deren Meinung mir tatsächlich etwas bedeutet. "Ich kann es verstehen," sagte mein Buddhisten-Onkel, sichtlich geknickt darüber, dass ihm in Zukunft jemand anderes seine Bewerbungsschreiben wird verfassen müssen, "diese Gegend hier ist einfach viel zu eng für jemanden wie dich." Meine Kommilitonen, vor denen ich mich praktisch immer dumm stelle, um nicht noch mehr aufzufallen, beglückwünschten mich, und manch einen konnte ich ganz schön aus der Fassung bringen, indem ich grob umriss, wie ich gedenke, mit einem Literaturwissenschafts-Studium sehr wohl eine Stange Geld zu verdienen.

In meinem unmittelbaren Freundeskreis war das Echo jedoch eher verhalten. Alles was die graue Eminenz, nach seinem Rat befragt, zu dem ganzen Thema sagen wollte, in einer durchgesoffenen Nacht Anfang Januar, war ein achselndzuckendes "Tu's nicht". Der Kasache hegt wahrscheinlich einen Groll gegen mich, weil ich zu H. ziehe... die auch ihm das Herz gebrochen hat. Oder er ist geknickt darüber, dass er mit mir die beste Connection verliert, die man - eingedenk unserer speziellen Appetite - in diesem ganzen Bundesland haben kann. Und der Mechaniker kann seine Feindseligkeit mir gegenüber nur noch mit großer Mühe unterschwellig halten. "Mit H. bin ich fertig," schrieb er mir gestern, "und ich glaube nicht, dass ich je wieder Kontakt zu ihr haben will." 

Gestern war eine befreundete Ärztin hier, die ich noch aus Grundschultagen kenne - so ziemlich der einzige intelligente Mitmensch, den ich in meiner Kindheit kannte - und natürlich hatte sie mich auch beim Abschluss um ein Jahr geschlagen. Dr. fucking med. Warum nicht?
Sie erklärte mir, dass meine Erkältung eine "funktionale Krankheit" sei, - Mediziner-Code für "psychosomatisch". Nicht anders könnte man erklären, dass ich jedes Jahr zur Karnevals-Zeit krank werde. An einem sich bewegenden Feiertag, der mich anwidert. "Heißt das etwa," sagte ich, in ein Stück Küchenrolle schnäuzend, "dass mein Körper bewusst das Immunsystem runter gefahren hat & ich deswegen krank werde, oder..." - ich warf das zusammengeknüllte Tuch in einem gekonnten Slam Dunk in den Papierkorb am anderen Ende des Zimmers - "bin ich in Wirklichkeit gar nicht krank, und mein Körper produziert von sich heraus all diesen Schleim?"
Sie kicherte. "Wahrscheinlich eher ersteres," sagte sie, aber meine Deutung sei auch nicht so unwahrscheinlich. Wir laberten die halbe Nacht über alles, die Revolution in ihrer Heimat Syrien, die Aussichten auf einen arabischen Ghandi, den Unterschied zwischen Würde und Ehre, die erschreckend geringe Allgemeinbildung unter Medizinstudenten, Karrieren in Frankfurt, Karrieren in Berlin, Karrieren in Katar, und zuletzt über die hochphilosophische Frage, ob "Liebe" ohne "Erwartungen" möglich ist, und wenn ja, ob das überhaupt etwas erstrebenswertes sein kann.

Vielleicht bildet sich mein virenversuchtes Gehirn das auch nur ein, aber als wir uns verabschiedeten, als sie gehen wollte, und wir einen unwahrscheinlich langen Moment nur da standen & uns ansahen, hatte ich eine definitive Chance bei ihr. Die ich vielleicht schon immer hatte. Aber ich wollte sie nur los werden. Ich hab zu oft versucht, etwas aus dem Leben zu machen, das ich hier hatte, und es scheiterte jedes. einzelne. Mal.