Typisch ich: Seit Anfang Dezember verschleppe ich jetzt schon diese Krankheit, zerre mich jeden Tag mit größerem Widerwillen auf die Arbeit und auf die Loonie-versität, schaffe es schließlich, ganze Monate vorbei zu kriegen... nur um dann am ersten Wochenende der Semesterferien mit einer waschechten Lehrbuchs-Erkältung danieder zu liegen.
Aber was soll's? Zeit zum "krank feiern", wie man links vom Rhein sagt. Zweimal nur habe ich mich seitdem vor die Tür begeben müssen, einmal um eine Einkaufstasche voll Wohlfühlnahrung aufzutreiben (Honig-Cornflakes, genug Salzstangen und -brezeln für 72 Stunden, Gulasch-Suppe in Dosen), einmal für ein würfelgroßes Stück Hasch, das mir ein befreundeter Jura-Student im 20. Semester gestern Abend an dem verlassenen, schlecht beleuchteten Taxi-Stand eines Mega-Kaufhauses verschwörerisch in die Hand drückte.
Abhusten muss man sowieso.
Zeit, dass ich mich sammele & an meinen Plänen schmiede. Wenn mein Leben eines bewiesen hat, dann dass Planung immer nur den Zufall durch den Irrtum ersetzen kann - doch es gibt einem zumindest Referenzpunkte; Stichworte, die man in Konversationen fallen lassen kann, damit man nicht wie ein ultimativer Tölpel darsteht.
Und dabei ist mein Plan wirklich nicht kompliziert. Ich hatte H. gefragt, wie viel sie pro Monat zum Überleben braucht, und sie sagte "knapp 1.000 Euro, mit allem drum und dran". Also schrieb ich eine Mail an meinen Wunsch-Arbeitgeber, machte ihnen einen Vorschlag für einen Job, den ich für sie machen könnte, und kalkulierte auf 1.600 Euro Brutto. Sie waren begeistert.
B.F. Skinner hat gesagt, dass man das Verhalten von Menschen niemals wird verändern können. Man kann nur ihr Umfeld manipulieren, und somit indirekt auf ihr Verhalten einwirken. Wenn also mein bisheriges Umfeld hier dafür gesorgt hat, dass ich zu einem kränklichen, unmotivierten Haufen Kiffer-Abschaum geworden bin, ohne Ideale, ohne liebenswerte Qualitäten, ohne Geld und ohne großem Lebenswillen, dafür aber einem Gehirn voller kaputter Informationen und gefährlichen Halbwahrheiten - dann sollte mir Berlin garantiert den Rest geben.
Der Kasache hat mir vorgestern geholfen, diesen Groschen fallen zu lassen, als er mir - völlig weggetreten - den Unterschied zwischen Variablen, Parametern und Konstanten zu erklären versuchte. "Pass auf," sagte er, nachdem er mir einen Crash-Kurs in Gymnasial-Mathematik gegeben hatte, "Variablen können alles sein, und das macht sie problematisch. Kleine Zahlen, große Zahlen, Brüche, egal. Es können also... absurde Ergebnisse rauskommen. Deswegen rechnen wir den ganzen Scheiß immer erst mal mit Formeln aus dem 18. Jahrhundert, um ungefähr zu wissen, wo wir landen wollen. Aber das ist eben ungenau." Er zog an dem Hasch-Joint. "Und dann können wir bei den Parametern etwas einsetzen. Parameter sind wie Variablen, sie können alles sein, aber du kannst eben selbst aussuchen, was du für sie einsetzt. Sie stellen quasi die Rahmenbedingungen deiner Formel da. Und weil sie auf beiden Seiten der Gleichung auftauchen, kannst du Abhängigkeiten schaffen zwischen deinen Parametern und den Variablen... alles wird konkreter. Mit jedem Schritt der Gleichung fällt dann mehr heraus... und am Ende hast du ein Ergebnis für eine vorher unbekannte Variable."
Ich beäugte ihn misstrauisch - doch eigentlich waren nur meine Augen zugeschwollen. "Okay," sagte ich, durch den Mund atmend. "Und wo ist dann der Unterschied zu Konstanten?" Er zuckte mit den Schultern: "Na die sind konstant!" - "Also sind Parameter besser?" - "Auf jeden Fall! Nur die erlauben dir, zu verlässlichen Ergebnissen zu kommen."
Ich nickte. Er hatte bei seiner Erklärung eine Menge mit den Händen in der Luft herum gefuchtelt, und das half mir, seinen Punkt zu verstehen.
Parameter, Kostanten, Variablen. Ich brüte immer noch darüber, wie sich diese neue Sichtweise auf meine aktuelle Lage anwenden lässt. Bin ich eine Konstante? Ist mein Verstand eine Variable? Und Drogen meine Parameter? Ich versuche mir die Myriaden von Pfaden vorzustellen, die mein Leben wird nehmen können, und ich weiß, dass manche Wege in meinem absoluten Glück und immerwährenden Erfolg enden, während andere Pfade dazu führen, dass ich von einem Strick baumele oder mir in einer unventilierten Garage mit Kohlenmonoxid das Leben nehme. Absurde Ergebnisse.
Obwohl ich weiß, dass meine Entscheidungen nur 50% der Miete sind. "Your choices are half chance," wie das Lied sagt, "and so are everybody elses."
Seit die Leute spitz gekriegt haben, dass ich nach Berlin verschwinden werde, ist meine allgemeine Beliebtheit in ungeahnte Höhen hochgeschnellt. Jeder möchte jetzt noch eine letzte Audienz mit mir. Das Echo ist überwiegend positiv, insbesondere von den Leuten, deren Meinung mir tatsächlich etwas bedeutet. "Ich kann es verstehen," sagte mein Buddhisten-Onkel, sichtlich geknickt darüber, dass ihm in Zukunft jemand anderes seine Bewerbungsschreiben wird verfassen müssen, "diese Gegend hier ist einfach viel zu eng für jemanden wie dich." Meine Kommilitonen, vor denen ich mich praktisch immer dumm stelle, um nicht noch mehr aufzufallen, beglückwünschten mich, und manch einen konnte ich ganz schön aus der Fassung bringen, indem ich grob umriss, wie ich gedenke, mit einem Literaturwissenschafts-Studium sehr wohl eine Stange Geld zu verdienen.
In meinem unmittelbaren Freundeskreis war das Echo jedoch eher verhalten. Alles was die graue Eminenz, nach seinem Rat befragt, zu dem ganzen Thema sagen wollte, in einer durchgesoffenen Nacht Anfang Januar, war ein achselndzuckendes "Tu's nicht". Der Kasache hegt wahrscheinlich einen Groll gegen mich, weil ich zu H. ziehe... die auch ihm das Herz gebrochen hat. Oder er ist geknickt darüber, dass er mit mir die beste Connection verliert, die man - eingedenk unserer speziellen Appetite - in diesem ganzen Bundesland haben kann. Und der Mechaniker kann seine Feindseligkeit mir gegenüber nur noch mit großer Mühe unterschwellig halten. "Mit H. bin ich fertig," schrieb er mir gestern, "und ich glaube nicht, dass ich je wieder Kontakt zu ihr haben will."
Gestern war eine befreundete Ärztin hier, die ich noch aus Grundschultagen kenne - so ziemlich der einzige intelligente Mitmensch, den ich in meiner Kindheit kannte - und natürlich hatte sie mich auch beim Abschluss um ein Jahr geschlagen. Dr. fucking med. Warum nicht?
Sie erklärte mir, dass meine Erkältung eine "funktionale Krankheit" sei, - Mediziner-Code für "psychosomatisch". Nicht anders könnte man erklären, dass ich jedes Jahr zur Karnevals-Zeit krank werde. An einem sich bewegenden Feiertag, der mich anwidert. "Heißt das etwa," sagte ich, in ein Stück Küchenrolle schnäuzend, "dass mein Körper bewusst das Immunsystem runter gefahren hat & ich deswegen krank werde, oder..." - ich warf das zusammengeknüllte Tuch in einem gekonnten Slam Dunk in den Papierkorb am anderen Ende des Zimmers - "bin ich in Wirklichkeit gar nicht krank, und mein Körper produziert von sich heraus all diesen Schleim?"
Sie kicherte. "Wahrscheinlich eher ersteres," sagte sie, aber meine Deutung sei auch nicht so unwahrscheinlich. Wir laberten die halbe Nacht über alles, die Revolution in ihrer Heimat Syrien, die Aussichten auf einen arabischen Ghandi, den Unterschied zwischen Würde und Ehre, die erschreckend geringe Allgemeinbildung unter Medizinstudenten, Karrieren in Frankfurt, Karrieren in Berlin, Karrieren in Katar, und zuletzt über die hochphilosophische Frage, ob "Liebe" ohne "Erwartungen" möglich ist, und wenn ja, ob das überhaupt etwas erstrebenswertes sein kann.
Vielleicht bildet sich mein virenversuchtes Gehirn das auch nur ein, aber als wir uns verabschiedeten, als sie gehen wollte, und wir einen unwahrscheinlich langen Moment nur da standen & uns ansahen, hatte ich eine definitive Chance bei ihr. Die ich vielleicht schon immer hatte. Aber ich wollte sie nur los werden. Ich hab zu oft versucht, etwas aus dem Leben zu machen, das ich hier hatte, und es scheiterte jedes. einzelne. Mal.