16.12.14

Angst vor Spinnen

Mein Bett riecht immer noch nach dir.
Nachdem wir uns am Flughafen verabschiedet hatten, trottete ich ziellos vor dem Terminal entlang. Durch eine der Seitenscheiben konnte man das Treiben im inneren sehen, die Reihen von übermüdeten Menschen, die sich geduldig durch das Zig-Zag der Sicherheitsabsperrungen vorarbeiteten. Ich blieb einen Moment stehen, steckte die Marlboro Light an, die ich mir von dir geschnorrt hatte, und sah durch das Fenster.
Ein kleiner Teil von mir wollte stehen bleiben, dich noch einmal sehen, und sei es nur um zu lächeln oder dir zuzuwinken. Aber der weitaus größere Teil von mir fühlte sich viel zu elend, als dass ich etwas anderes hätte tun können, als roboterhaft den Weg alleine zurück zu stapfen, den wir eben noch gemeinsam gekommen waren. Diese Rückfahrten, vom Flughafen zu meiner Wohnung, sind die schwersten Wege, die ich in dieser Stadt je gegangen bin.
Ich blieb dennoch stehen.
Aber du warst nirgendwo zu sehen.

So muss sich ein Herzinfarkt anfühlen: Ein Stück Pfefferminz-Schokolade auf nüchternen Magen am Montagmorgen nach einem langen Wochenende in den Armen seiner Traumfrau; das Gefühl, dass es nun schon wieder vorbei ist, das Ziel unserer zweimonatigen Vorfreude war gekommen, geschehen und hatte sich frisch verabschiedet.
In der Nacht zuvor nur zwei Stunden Schlaf voller Alpträume. Die Pfefferminze brannte ein Loch in meine geschundene Magenwand; die Dämpfe meiner Magensäure ätzte sich meine Luftröhre hinauf und verursachten das Stechen in meinem Oberkörper. Meine Arme und Schultern hingen schlaff, und unter meinen Achselhöhen konnte ich spüren, wie meine Lymphknoten sich auf einen möglichen Zusammenbruch meines gesamten Immunsystems vorbereiteten.
Alles was ich wollte war etwas Wasser gegen dieses Brennen im Magen, aber an einem Flughafen ist selbst das sechs mal so teuer wie Benzin.
Auf meinem Nachhauseweg konnte ich nicht einmal die Motivation aufbringen, Musik zu hören.

Was mich mehr störte als dass dieses Wochenende endete, war wie es endete: Warum mussten wir in der Nacht davor ausgerechnet einen Horrorfilm sehen, der meine größte Schwäche mit meiner größten Phobie kombiniert? Wieso musste mich dieser grauenhafte Film wachhalten, wo du doch neben mir lagst. Von all den Nächten, die ich hilflos vor dem Laptop verbringe, geplagt von der Gier nach Antworten auf Fragen, die mein Gehirn nicht aufhören kann zu stellen - wieso musste es ausgerechnet diese sein?
Wieso kann ich nicht schlafen, wie es alle anderen Menschen auch können?

Als ich vom Flughafen zurück kam, war es kurz nach 6 am Morgen. Ich hatte bloß zweieinhalb Stunden geschlafen, ehe wir zum Flughafen mussten, folglich hätte der Schlaf einfach kommen müssen.
Tat er aber nicht. Deine Seite des Betts war leer, und das Bettzeug, die Kissen, der ganze Raum hallte noch nach mit dem geisterhaften Echo deines Dufts.
Würde es dich nicht geben, ich müsste meinen Verstand und mein gesamtes Konzept der Realität verlieren, nur um dich herbeizuphantasieren.

Ich lag in meinem Bett, auf der Seite, auf der ich die letzten drei Nächte gelegen hatte, und sah voller Weltschmerz der Sonne beim Aufgeben zu. Wieder einmal war ich wach, und wieder einmal war mein Gehirn damit beschäftigt, aus Chaos einen Sinn zu stiften. Ich schaute mir weitere Folgen dieser Zeichentrick-Serie an, die mir der Pole im betrunkenen Zustand befohlen hatte zu schauen, und ehe ich mich versah, war die Staffel zu Ende.
Ich sah nicht einmal auf die Uhr. Draußen wurde es nicht mehr heller.

In einer Woche werde ich dich wieder sehen. Das war das tröstende Mantra, das sich schließlich über meine verwundeten Gedanken legte wie warmes Badewasser über eine Selbstmörderin.
Irgendwann schlief ich ein. Zwischen den Resten unseres Wochenenden und den Haaren, die du beim Kämmen auf meinem Bett verlorst.
Und in diesem dämmrigen, einsamen Schlaf war ich plötzlich überzeugt, dass nichts davon wirklich passiert sei, dass alles in Ordnung sei, und ich konnte dich fühlen, dich förmlich spüren, wie du neben mir liegst, atmest, deine Haare meine Nase kitzeln. Im Halbschlaf streckte ich meine Hand nach dir aus, wollte dich berühren, meinen Arm und deine Schultern legen und dich dichter an mich heranziehen. Doch sie fiel nur auf eine leere Decke.
Ich erwachte davon; ein Gefühl tiefster Traurigkeit und Entzuges machte sich wieder in mir breit und ich schrie wie ein verwundetes Tier, als ich die Augen öffnete und nur die leere Decke neben mir sah.

Ich liebe dich.

10.12.14

Parteitag: "CDU" ändert Parteinamen in "Deutschland"

(Köln) In einer Grundsatzentscheidung beschlossen die Delegierten des 27. CDU-Parteitag heute den wohl größten Image-Wandel in der 69 jährigen Geschichte der Partei: Mit sofortiger Wirkung benennt sich die CDU in allen 15 Landesverbänden in "Deutschland" um (stilisiert als „Deutschland", Untertitel „Demokratische Union der Christen").

"Dieses Re-Branding war schon lange überfällig," sagte Peter Tauber im Interview mit Deutschland TV. "Und es war so offensichtlich! SPD? Die Linke? Grüne? Es gibt keine P’s, K’s und Ü’s in Deutschland!" 

Entsprechende Pläne sind bereits Ende der Achtziger Jahre diskutiert, nach der Wiedervereinigung aber vorerst auf Eis gelegt worden. Damals hatte eine kleine Anfrage der Bundestags-Opposition ergeben, dass alle Urheber- und Markenrechte am geschützten Begriff "Deutschland" in der Tat beim Land Bayern liegen. Aus Lizenzgründen wird unsere Heimat im Ausland daher mit rechte-freien Synonymen wie "Germany" oder "Allemagne" bezeichnet.

Einige der Redner taten sich aber noch schwer mit der neuen Sprachregelung: "Deutschland hat schon immer von Deutschland profitiert - und Deutschland ist der größte Nutznießer von Deutschland," sagte etwa Annegret Kamp Karrenbauer in ihrer Rede.

Deutschland reagierte mit dieser Zäsur aber auch auf Häme und Kritik der vergangenen Tage. Parteimitglieder hatten in einem Antrag gefordert, Ausländer in Deutschland künftig dazu aufzufordern, überall Deutsch zu sprechen. Menschenrechtler, Kritiker und Oppositionsparteien warfen Deutschland darauf hin vor, mit dem Bedienen nationalistischer Ressentiments eine künstliche Bedrohung durch Einwanderer, Flüchtlinge und Moslems herbeizureden zu wollen, um katastrophale Fehler in der Überwachungspolitik rückwirkend zu rechtfertigen. Deutschlands Positionen bei den Themen Innen-, Flüchtlings- und Integrationspolitik verblieben aber weiterhin bissig.

Dennoch möchte Deutschland auch bei der kommenden Bundestagswahl 2017 die stärkste Fraktion im deutschen Bundestag werden. "Deutschland engagiert sich für alle, die sich für Deutschland stark machen," war das wiederholte Motto des kommenden Wahlkampfes.

Die Namensänderung geht auch mit einer innerparteilichen Wertedebatte einher. Deutschland habe sich, seit es die Bundesregierung stellt, mehr und mehr von seinen konservativen Wurzeln entfernt. "Deutschland muss dem Bürger wieder zeigen, wofür wir einstehen: Mehr Freiheit für Deutschland! Zukunftsweisende Wirtschaftsbedingungen für Deutschland! Bessere Schulen für Deutschland sowie eine bessere Kranken- und Altersvorsorge für Deutschland," versprach etwa Julia Klöckler unter frenetischem Applaus der Deutschland-Mitglieder. Die designierte stellvertretende Deutschland-Vorsitzende Ursula von der Leyen forderte in ihrer Rede, "Deutschland muss künftig eine stärke Rolle in Deutschland und Europa einnehmen, um sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen."

Das Presse-Echo ist, zur Stunde, positiv. Wie auch der verniedlichende Begriff "GroKo" zuvor wurde die Namensänderung von den meisten Blättern unkritisch übernommen: "Deutschland bestätigt Angela Merkel als Partei-Vorsitzende," titelte etwa Spiegel Online. Die FAZ schreibt "Merkel fragt Deutschland: Wie klein will sich die SPD eigentlich noch machen?"; Bild Online freut sich hingegen über den erfolgreichen Marketing-Clou mit dem Aufmacher "Deutschland: Wir sind Deutschland!"

In Abwesenheit wurde auch Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble, der wie auch die anderen Delegierten alternativlos angetretenen war, im Präsidium von Deutschland bestätigt. Angela Merkel hatte in seinem Namen gesprochen, da Schäuble parallel Deutschland bei einem Treffen der EU-Finanzminister in Brüssel vertreten musste. Neben dem Präsidium und Merkel als Vorstand wurden auch der Bundesschatzmeister und die Mitglieder des Bundesvorstand von Deutschland in ihren Ämtern bestätigt.

Ihre Abschlussrede nutzte Merkel, um das neue Branding für einen gekonnten Schlag gegen die Partei AfD einzusetzen, die Deutschland in den letzten Jahren am rechten Rand erfolgreich Stimmen streitig machen konnte: "Die Menschen in unserem Land haben verstanden: Deutschland ist die einzige Alternative zur Alternative für Deutschland," so Merkel unter lautem Applaus. "Ich sage heute: Deutschland ist alternativlos – und vor allem: Deutschland ging es noch nie so gut wie heute!"

hes mit Material von dpa, AP und Reuters


Update 17:05: Am frühen Abend erreichen uns Meldungen, wonach die vorherige CSU dem Vorbild ihrer Schwesterpartei folgen und zukünftig unter dem Parteinamen "Freistaat Bayern" antreten wird. Am Rande der Pressemitteilung wurde ebenfalls darauf hingewiesen, dass Freistaat Bayern und die Bayerische Landesbank im Rahmen dieses Strukturwandels fusionieren werden, "um weitere Synergieeffekte, die sich aus diesem einmaligen Standortfaktor ergeben, erkunden zu können."



03.12.14

Liste der Entwürfe

Das Leben vergeht schnell... haben mir Filme beigebracht. Und auch nicht alles, was je angefangen wird, wird auch zu Ende geschrieben. Und weil mein innerer Zwangsneurotiker gerne Listen tippt, hab ich heute eine neue für euch: eine Liste der Überschriften von Story-Elementen, die angefangen, aber nie zu Ende geschrieben wurden (wobei ich "Systempresse" noch nicht aufgegeben habe).
Die Deleted Scenes der letzten 12 Monate.
Voilà!

-Systempresse [tbc?]
-Für dich immer noch COMANDANTE Ché Guevara!
-Born in the NSA [wurde zur Grundlage eines Artikels für die grow!]
-Jungs, wir müssen reden (Die Krise der Männlichkeit) [wurde zu "Ladies, wir müssen reden (Liebe in Zeiten der Gender-Studies)"]
-Verworfen
-Once more with the Voice of Buddha
-Europas 11. September [Information War Correspondent, Pt. 2]
-broken man
-Helghast 4 Live
-Gespräch mit dem Leser (Mr. Schnee, tear down this fourth wall!) [Ludoviko, es wird fertig werden - ich hab dich nicht vergessen! Ich suche nur noch einen dritten Absatz!]
-Von Gott über Kane zu Schnee
-Der Drohnen-Killer, der Schwulenhasser und The Л-Word: Das Grau-Gute im Menschen
-Freestyle
-Hast du je im fahlen Mondlicht mit dem Haifisch getanzt?

02.12.14

Widerstandsrecht (Nixon has left the building!)

Als ich gerade eben zur Tür rein geschneit kam (aus welchen Gründen auch immer den Refrain von Rammsteins "Roter Sand" singend) erblickte ich meinen Mitbewohner, der gerade am Ende des Flurs aus seiner Kemenate geschossen kam.
"Ahoi! Alles klar bei dir," rief ich ihm zu, die Ohrhörer rausziehend und mich meiner Jacke entledigend. 
"Jaja, und bei dir?"
Ich antwortete auch mit einem gedehnten "Alles klar," ging dabei aber einen halben Schritt in mein Zimmer, um meine Jacke an dem Haken an der Innenseite meiner Tür aufzuhängen. Vom anderen Ende des Flurs kam lachen.
Ich sah ihn an, fragend, und er meinte "Oder sagtest du 'Alles klar'? - ich verstand gerade 'ch'komm nicht mehr klar!"
Ich kuckte kurz fragend die Vierte Wand an, während mein Gehirn Petaflops an Daten auswertete, um aus der Steilvorlage noch etwas rauszuholen - ich grinste also zurück und rief "Äh... ehrlich gesagt komm ich ja auch nicht mehr klar! Hast du die neuesten Leaks heute... oder besser gesagt gestern schon... gesehen? Die Regierung wusste seit 2005 von der Überwachung in Deutschland. Neun Jahre... oder besser gesagt die gesamte Ära Merkel über."
Er kam auf mich zugetrottet, offensichtlich auf dem Weg in unsere Küche. "Jaja," rief er, beide Augenbrauen hebend. "Verdammt grenzwertig, was? Man fängt sich an zu fragen, wie Leute sich immer noch hinter die stellen können."
Ich kramte meine Taschen leer und warf mein Zeug auf meinen Schreibtisch des Chaos. "Jaja... es ist, als würde einem plötzlich klar werden - verdammt, wir hatten den Zweiten Weltkrieg ja verloren." Ich folgte ihm in die Küche, da ich sowieso Richtung Wohnzimmer wollte. "Aber weißt du worüber ich den ganzen Abend schon nachdenke? Sagt dir das Widerstandsrecht etwas?"
Er lachte. "Oh ja."
Wir kamen in der Küche an, wo er irgendwas fuhrwerkte. Ich lehnte mich an's Waschbecken. "Du weißt," sagte ich, "dass die BRD zwei Selbstzerstörungsknöpfe hatte. Der erste war die Wiedervereinigung. Es hieß ja, danach würden wir als Deutschland endlich eine Verfassung kriegen. Nur haben die Politiker dann '90, nach dem Mauerfall, dagegen gestimmt... weil klar, sie hatten ja alles zu verlieren."
Er nickte, ein wenig schräg - zustimmend, sich aber über den Gedanken wundernd. Ich redete schneller - was ich immer tue, wenn ich merke, dass die Aufnahmefähigkeit meines Gegenübers nachlässt und ich bald nur noch mit einem Unterbewusstsein reden werde: "Und das zweite, ja, ist das Widerstandsrecht! Die Idee, dass es dir-" (ich machte mit beiden Händen eine italienische Geste) "-wortwörtlich legal erlaubt wird, deine Regierung zur Not mit Gewalt aus dem Amt zu jagen, wenn sie dabei erwischt wurde, eine Diktatur zu werden und alle Wege des Rechtsstaats versagt haben."
Ich lachte. "Es ist verdammt traurig, wenn man darüber nachdenkt. Dass es soweit gekommen ist? Aber ich meine... alle Stricke sind gerissen! Die Wahl hatte nichts gebracht, da hatten sich einfach beide Verantwortlichen unter eine Decke gesteckt. Der Untersuchungsausschuss steht auf dem Abstellgleis. Der Dings, der Generalbundesanwalt, meinte er würde in der Sache nicht einmal ermitteln wollen. Den Bundesdatenschutzbeauftragten hat man schnell ausgetauscht. All die Leute, die privat Anzeige erstattet haben... hat alles nichts gebracht. Und jetzt ist der Beweis draußen, dass sie mehr gelogen haben je zuvor berichtet wurde!"
Während meiner Aufzählung waren die Schultern meines Mitbewohners sichtlich herabgesackt. Er ist ein großer Typ, Anfang 20, gebaut wie ein Hühne und das, was ich gemeinhin unter verdammt clever verstehe. Er trottete wieder aus der Küche, zurück in sein Zimmer und zu seiner Freundin, aber er war nicht ganz ohne guten Mutes, als er zum Abschluss sagte: "Ich bin verdammt gespannt, was jetzt passiert. Irgendwas muss passieren."
Ich sagte nichts, sah ihn wieder im Flur verschwinden und wurde mir auch zum ersten Mal dem...  "historischen Gefühl" bewusst. Selten, dass man sich so fühlt.
Dann grunzte ich. "Wir leben in interessanten Zeiten," rief ich ihm nach. "Der chinesische Fluch ist wahr geworden!"

29.11.14

Jurassic Park: Games

Wie alle Kinder, die ohne eigene Spielkonsole aufwuchsen, entwickelte ich eine späte, aber umso intensivere Liebhaberei, als die Volljährigkeit und die Gehaltschecks eintrudelten. Mein Trauma war Weihnachten 1989, als mein Vater heimlich ein Nintendo Entertainment System unter den Weihnachtsbaum legte - und meine Mutter die Fassung verlor, als sie das sah. 'Bloß nicht, dann wird der Junge sein ganzes Leben nur vor irgendwelchen Bildschirmen sitzen!' Das NES wurde umgetauscht und ich lernte früh, was eine Selbsterfüllende Prophezeiung ist.

Zwei Dinge faszinierten mich als Kind: Computer(spiele) und Dinosaurier. Die Kindergärtnerinnen wollten mich zu 'Wetten, dass...' schicken, weil sie es noch nie erlebt hatten, dass ein Kind sich für Wissenschaft interessiert, bevor es lesen kann.

Mit 6 Jahren fand ich die Kombination all meiner Kindheitsträume: Ein Film wird kommen mit Dinosauriern, Computern, Wissenschaftlern, Effekten...

Dieser Film war Jurassic Park.



Den Effekt auf uns Kinder der 80er muss ich Altersgenossen nicht erklären... aber bei meinen jüngeren Mitbewohnern etwa treffe ich auf Skepsis und leere Blicke, wenn ich von "John Hammond" und dem "Sozialverhalten von Velociraptoren" anfange. Sie kennen JP nur aus dem Fernsehen, wo ein sechs Meter hoher Tyrannosaurus nicht bedrohlicher wirkt als ein Happy Slapping-Video auf einem Handybildschirm.

Ich diskutierte das letztens während Gin Tonics mit einer Schauspielerin, die eine passende Erklärung für die mediale Verdrängung des Dinosauriers gefunden hat: "Was in deiner Kindheit die Dinosaurier waren - das sind heute die Zombies!"

Aber das könnte sich ändern! (Vor dem Weiterlesen auf Video ansehen)


Fuck... ich kann mir das gar nicht genug ansehen! Seit Tagen tanzt mein innerer Sechsjähriger schon kleine Freudentänze durch die WG... die alten DVDs werden wieder hervorgekramt... und ich möchte mich anschicken, dir, Dem Leser, drei coole Wege ans Herz zu legen, wie auch du deinen inneren Paläontologen wieder re-aktivieren kannst: Computerspiele!

JP hatte es seinerzeit zu jeder nur denkbaren Form von Medium, Merchandise und Spielzeug gebracht - ich erinnere mich, dass ich zu einem Zeitpunkt sogar zwei Flaschen Velociraptor-Shampoo besessen habe. Die Königsklasse - das, wovon wir Kids vor Weihnachten fantasiert haben - waren aber die Computerspiele. NES, SNES, Sega Genesis, PC, fucking Tiger Electronics, Playstation... und rückblickend war vieles davon Schund, schlecht programmiert oder oberflächliche Massenware. Aber einige Spiele hatten sich das JP-Gütesiegel wahrlich verdient. Für manche Formen der Unterhaltung wurden keine Kosten gescheut.... und da draußen hat etwas überlebt.

I. Jurassic Park 
(Ocean, NES und PC)


Hätte ich an jenem verhängnisvollen Weihnachten 1989 meine NES behalten können, hätte Weihnachten 1993 ausgesehen wie auf diesem Screenshot. Statt dessen bekam ich es 1995, als PC-Port, und kriegte es nie zum laufen. Die zweite Hälfte der 90er legte ich die CD-Rom immer mal wieder ein, versuchte immer neue Tricks, aber im Zeitalter vor dem Internet war ich auf brutale Software-Bastelei und Videospiel-Magazine angewiesen.

Eine aktualisierte Version mit besserer Grafik und einem Ego-Shooter-Modus kam später für das Super Nintendo, und ich konnte einen meinen Cousins davon überzeugen, es sich zu holen. Man spielt Alan Grant in glorreicher 8 Bit-Grafik und muss den außer Kontrolle geratenen Jurassic Park überleben. Das Spiel setzt einen Präzedenzfall, das auch spätere gute Titel ausmachen würde: Es ergänzt die Filmideen mit nicht genutzten (oder technisch nicht umsetzbaren) Konzepten aus dem Buch. So tauchen hier schon die (Pro)Compsognaten auf, die hühnergroßen Mini-Räuber aus The Lost World, man muss die Nester der wild brütenden Dinosaurier ausfindig machen, Waffen aus dem Roman werden verwendet...

Ho Ho Ho. Heute muss man etwas tricksen, um das Spiel auf modernen Geräten zum Laufen zu kriegen - aber es ist möglich! Das Internet hat mir Seelenfrieden beschaffen, was das angeht. Und ein Trauma beendet, das 25 Jahre an mir nagen konnte.

II. Jurassic Park: Operation Genesis 
(Blue Tongue Entertainment, PC, PS2, X-Box One)


Abgesehen von dem etwas merkwürdigen Titel, der uns daran erinnert, dass dieses Spiel auf dem Höhepunkt der Bush Jr.-Ära erschien, ist dies vielleicht eines der besten Stücke Software, die ich mir je zu Gemüte geführt habe. Leuten erkläre ich es immer als "Rollercoaster Tycoon mit Dinos statt Achterbahnen". Es verdient einen Ehrenplatz auf dieser Liste, weil es die Prämisse von "Jurassic World" vorweg nimmt: Was, wenn der JP nie gescheitert wäre? Was, wenn Hammond recht gehabt hätte?

Du spielst also den Manager des Modernsten Vergnügungsparks der Welt - und deine Aufgabe ist es, die Superreichen mit den Thrills und dem Spaß zu versorgen, von dem Kinder vor der Zombie-Ära träumte. Du organisierst Ausgrabungen für Fossilien und Bernstein, die dir neue DNA-Sequenzen für neue Dinosaurier verschaffen, baust Gehege und Futterplätze, Aussichtsplattformen und Safari-Routen, Souvenir-Stände und Imbiss-Buden, Parkwächter-Stationen und Sicherheitssysteme... und wehe dem Rechtsstreit, wenn dein T-Rex aus dem Gehege ausbüchst & einen Millionär verspeist!

Man kann sich super in Details verlieren, wenn man seine Gallimimus-Herden vor Unwettern beschützt, einen kranken Brachiosaurus pflegt oder einfach seinem Spinosaurus dabei zusieht, wie er im Sonnenuntergang sein Territorium patrouilliert... ich spiel dieses Game wahrscheinlich einmal pro Jahr. 
Henrie Schnee-approved!

III. Jurassic Park: The Game 
(Telltalle Games, PC, Mac, PS3, X-Box 360)


Dieses Spiel setze ich auf die Empfehlungsliste, auch wenn ich es noch nicht zu Ende zocken konnte. Auf meinem alten Laptop überforderte es die Grafikkarte regelmäßig, und erst durch den Jurassic World-Trailer hatte ich nochmal die Motivation, es auf dem neuen Computer zu versuchen.

Also spiele ich im Moment noch Level, die ich bereits kenne - aber der zweite Eindruck, auf maximalen Grafikeinstellungen, bestätigte nochmal die positiven Erinnerungen. Jurassic Park: The Game ist ein merkwürdiger Hybrid, den ich am ehesten als Point & Click-Adventure beschreiben würde. Es ist nicht perfekt - die Animationen glitchen gerne einmal, und überhaupt hat die Grafik etwas von einem Fanflick, den jemand in einem 3D-Animationsprogramm zusammengebastelt hat. 

Aber von allen Spiel-Umsetzungen, die ich zu JP angefasst habe, bietet dies den meisten Respekt vor dem Quellenmaterial. Es wirkt erst widersprüchlich, ein Point & Click-Adventure in einem so actionreichen Stil zu präsentieren: Begegnungen mit Dinosauriern überlebt man nur, wenn man gut im Lösen von Quicktime-Events ist. 
Das macht das Spiel hochgradig cineastisch - und die Unterteilung in kleine, storymäßig zusammenhängende Szenen unterstützt das Gefühl zusätzlich. Die Charaktere sind glaubwürdig und wachsen einem ans Herz. 

Das extra "Hut ab" erhalten die Macher für ihren eigenen Beitrag, den sie zum JP-Universum liefern. Zum einen sind das die grandiosen Level, in denen man etwa Attraktionen besucht, die weder im Film noch im Buch erwähnt werden oder einer Wissenschaftlerin bei Verhaltensforschung im Feldlabor hilft. Zum anderen ist es der neue "Freak"-Dinosaurier, den die Autoren für ihr Spiel in den Jurassic Park-Mythos eingearbeitet haben, und über den ich an dieser Stelle nichts verraten werde.


Ein Abenteuer, das vor 65 Millionen Jahren began 

Ich für meinen Teil freue mir einen Ast auf Jurassic World. Es war nicht leicht, dieser Franchise dabei zuzusehen, wie sie erst trockengemolken und dann in der Bedeutungslosigkeit verschwand. "The Lost World", das Sequel, war ein konfuser Werbespot für mehr Spielzeug, und der spät nachgeschobene "Jurassic Park III" eine traurige, enttäuschende Resteverwertung.

Für JP4 leakte vor Jahren ein Drehbuch, das viele erschaudern ließ, mit mutierten Dinosauriern und Velociraptoren mit kybernetischen Waffen... "Gunshots by Velociraptor" wurde ein Meme, die Nerds hassten die Transformer-esquen Implikationen. Und tja, wie der Trailer schon verrät, wollte diese Drehbuch-Idee einfach nicht sterben. Aber ich gebe der Idee eine Chance. Denn: War das nicht überhaupt immer der Witz an Jurassic Park? Dass die Genetiker nicht wussten, dass ihre Kreationen sich vermehren und anpassten auf Wege und Arten, die sie am Reißbrett nie hatten vorher sehen können?

Und nun, nach einem halben Jahrzehnt in der Produktionshölle, wundere ich mich, was sie uns da abliefern werden. Aber hey, ich werde den Film sowieso mit den Augen eines Sechsjährigen sehen.