16.05.13

Mementos

Ein weiteres Mal 'Hallo', meine wenigen noch verbliebenen Leser & einzigen Freunde in dieser kalten, sterbenden Welt.

Alles klar bei euch?

Erfahrungsgemäß brauche ich, um aus einem guten, altmodischen "Loch" wieder hervorklettern zu können, einfach nur ein paar nette Dinge, über die ich schreiben könnte. Etwa mein kürzlicher Auftritt im Abgeordnetenhaus, das Astronautalis-Konzert von letzter Woche, die Story mit den Indie-Schweden, eine Punkt-für-Punkt-Analyse ihres... 'Herzens in Form einer Playlist'... 

Aber ach, nichts davon weckt den Dämon in mir. Doch meine eingerosteten Finger müssen wieder knacken. Es gilt, wieder Papier zu entjungfern. Weiß zu schwärzen. 
Zwischen Tür und Angel nahm ich gerade das Angebot meiner Ex-Freundin an, einen wissenschaftlichen Beitrag für eine Publikation unserer alten Alma Mater beizusteuern - und ich antwortete "Oh Fuck Ja"!

Gebt mir was zu tun. Oder besser noch was zu schreiben.

Aus diesem Anlass möchte ich die Tipp-Muskeln wieder ein wenig trainieren. Daher habe ich mir - als kleines literarisches Experiment - 24 Bilder aus meinem "Archiv der Verdammten" hervorgekramt, die ich im folgenden in absolut unbeabsichtiger Reihenfolge abbilden werde.

Und wie der Irre vor dem Rohrschach-Test werde ich zu jedem Foto das erste tippen, das mir in den Sinn kommt.


Another Day in Paradise... wir waren gute 4 Stunden zu früh zu Lana Del Reys Konzert im Tempodrom - vielleicht hundert Nasen standen vor uns in der Reihe, die restlichen zig Tausend hinter uns. Im Berlin der Hippen und Schönen gehört es zum Guten Ton, zu einem Konzert gepflegt zu spät aufzutauchen & sich dann unter dem Schutz der Vorband den Weg nach vorne freizudrängeln - dementsprechend niedrig ist meine Ellbogen-Hemmschwelle.
Warten auf Lana Del Rey bedeutete, sich diesen Vorhang sehr lange & sehr aufmerksam anzusehen. Es war faszinierend: Der Stoff sah aus wie ein fußballfeldgroßes Stück Brautkleidstoff, das hier und da in Fetzen hing; angestrahlt von violetten und türkisenen Scheinwerfern warfen Palmenwedel von hinten ihre bedrohliche Schatten auf die Textur. 
Die ganze Mis-en-Scene erinnerte frappierend an das Cover des "Hotline Miami"-Soundtracks - was bei mir genau die richtigen Knöpfe drückte.
Das Intro-Lied, das das Fallen des Vorhangs begleitete, war dann natürlich auch "Tonys Theme". Ich liebe diese Frau.


Das Berliner Ostkreuz ist ein weiteres kleines "Fuck you" an unsere Mitbürger vom ehemaligen "Drüben": Es ist die Idee eines Bahnhofes, umgesetzt mit einem Bruchteil des eigentlich benötigten Geldes. Seiner Rolle als Verkehrsknotenpunkt wird er zwar gerecht, aber der Anblick erinnert einen an die furchtbarsten Alpträume, die man je vergessen wollte. Ein Labyrinth aus Bauzäunen, Stahlelement-Treppen und Schutthaufen überzieht das ganze Gelände. Ich empfehle einen nächtlichen Spaziergang, wenn die Laune am Tiefsten ist.


Das Foto entstand bei einem Shoot auf dem Dach des Bundestages. Ich hatte einen (weiteren) Artikel über Korruption & Verkommenheit zusammengetragen & unserer Grafikerin versprochen, dieses Mal wenigstens etwas Bildmaterial beizusteuern.
Ich verbrachte fast eine Stunde dort oben, studierte die Aussicht, die Architektur, die Touristen und die zu Tode gelangweilten Sicherheitskräfte. Rauchen ist den Besuchern nicht erlaubt - obwohl man in den Innenhöfen zu den Raucherecken der jeweiligen Fraktionen runtersehen kann.
Mein eigentliches Ziel war die Kuppel - doch die war bis auf weiteres dicht, "Reinigungsarbeiten", wie mir die Zivil-Polizistin in dem Eintrittskarten-Kabuff achselzuckend mitteilte.
Wenn ich jemals politische Ambitionen verspürt habe - nicht in diesem Land. Der Deutsche Bundestag ist einer der unangenehmsten Arbeitsplätze der Republik; ein Magnet für ignorante, elchgesichtige Touristen, grinsenden Antis, schlippstragenden Herrschern mit gebrochenem Blick.
Irgendwann gab ich mich dem Tagtraum hin, dass all diese Sicherheits-Truppen, Kameras und Luftschleusen nicht dazu da sind, die vor 'uns' zu schützen.... sondern sie vom Abhauen zu bewahren, vor dem Absprechen eigener Ideen, vor dem Formulieren von ausgeklügelten Fluchtplänen.... "Wenn wir jeden Tag zwei Meter weit graben, sind wir bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode am Hauptbahnhof!"


Wir waren auf dem Hinweg zu einem Crystal Castles-Konzert... aber ich erinnere mich beim besten Willen nicht mehr, wo. Was auch die Frage aufwirft, wo dieses Riesenrad gestanden haben könnte... war es dieser merkwürdige Vorweihnachts-Rummelplatz auf dem Alexanderplatz? Ich weiß es nicht mehr. Was ich noch weiß, ist dass dieser Kontrast aus Vergnügen und grau-enhaften Betonwürfeln irgendeinen perversen Sinn für Humor ansprach - weswegen dieses Foto entstand. Einige Wochen später würde ich es als Cover für eine der selbstgebrannten CDs verwenden, die ich meinen Mitbewohnern zu Weihnachten schenkte - nämlich für die des Italieners.
Im selben Neon-Baby-Blau donnerte der Schriftzug "Una Musica impossibile da rifiutare!"


Ich gebe gerne damit an, bei Konzert X "so nahe an der Bühne gewesen zu sein, dass ich...". Bei Lana Del Rey war ich so dermaßen nahe, dass ich ihren Slip sehen konnte, als sie während "Body Electric" anfing, lasziv mit der Hand an sich rumzumachen.
Doch der Slip war weiß, sportlich und nicht sonderlich sexy.


Dieses wahnsinnig häßliche Teil stand zur Weihnachtszeit in einer der Shopping-Meilen im Westen Berlins - wahrscheinlich, um Halluzinierende, Verrückte und Drogen-Enthusiasten abzuschrecken. Ich erinnere mich kaum noch, wie wir da hin gekommen sind - eigentlich wollte ich zwei Besucherinnen an einem Primark absetzen & mich dann für einen Joint in irgendein Parkhaus verziehen; doch der Laden hatte bereits lange geschlossen, ehe wir ihn fanden.
Also beschlossen wir, unseren Frust unter Sushi zu begraben - was in meinem bis dato teuersten Restaurantbesuch 2013 endete. Fast die Hälfte meines Essensbudgets für diese Woche ging dafür drauf, aber am Ende war ich so satt & zufrieden wie ein goldener Buddha.


Dies ist ein Toiletten-Foto. Ein Toiletten-Foto zeichnet sich durch zwei Faktoren aus: (1) Es wurde auf einer Toilette aufgenommen. (2) Der aufgenommene Gegenstand ist irgendein charakteristisches Momentum, das man zuvor schon hunderte Male gesehen hat - sich aber jedes mal darüber ärgert, dass man keine Kamera zur Hand hat. Wer geht schon mit dem Handy pissen? 
Dieses besondere Dada-Memento hängt im gemeinsamen Badezimmer meines Anwalts & seiner liebreizenden Mitbewohnerin, der Schauspielerin. Aufgenommen wurde das Foto in der Silvesternacht - denn da war mein Kreislauf so beladen von Gift- und Fremdstoffen, dass ich das Risiko erst garnicht eingehen wollte, einen Teil meines Zubehörs in den Wirren des Abends zu verlieren - also schleppte ich allen Kram ständig in den Taschen mit. Beim Pieseln kam mir dann die Epiphanie: Heute HAST du endlich mal deine Handykamera parat!


Ich besuchte den Weberknecht in Bayern & schrieb drei Viertel eines Kapitels darüber, das ich jedoch nie vollendete. Teile davon endeten in "Want You Gone", jedoch nicht die guten. 
Die Idee hinter Regensburg war eine Art "Urlaub vom Urlaub"; ich hatte Ostern in der alten Heimat verbracht und trotz eines netten Dates & alter Gesichter mehr still vor mich hingelitten. Meine Familie war "anstrengend", um es diplomatisch auszudrücken... und am Ende erschien mir eine Woche Exil in Bayern wie eine prima Idee.


Eines der letzten Fotos meines Zimmers, ehe die Eiszeit uns alle dahinraffte. Mir stand der Sinn nach Kafka, weil ich die Schnauze voll hatte vom "Verstehen". Außerdem wollte ich ihn dem Test der Zeit unterziehen: Ich hatte alle seine Werke verschlungen, zwischen meinem 17 und 18 Geburtstag, aber seit dieser Zeit selten wieder den Nerv und vor allem die Zeit gehabt, die man ihm widmen muss.
Franz Kafka.
Sprich seinen Namen nicht unnütz aus.


Letztes Jahr schon wollte ich diesen Spruch über mein Bett pinseln - möglichst groß und blutrot. Aber man redete es mir erfolgreich aus & überzeugte mich statt dessen davon, dass ich lieber lernen sollte, mich selbst zu lieben.
Nachdem mich die selben Figuren jetzt aus ihrer WG geschmissen & die letzten Monate wie Dreck behandelt hatten, wollte mir einfach kein gutes Argument mehr dagegen eingefallen. Ich ließ mich an dem Abend in der Küche mit dem Italiano & einer Gruppe seiner befreundeten Römer volllaufen... ich mit Rum, sie mit Rotwein.
Irgendwann verglichen wir unsere Lieblingssaufflieder, bis ich schließlich mit Manson anfing: "You can take me/Grave can take me/Earth is waiting to eat us alive/I love you damaged/Need human Wreckage/I have to look up, just to see Hell."


Noch so ein vor Erkenntnis nur so strotzendes Toiletten-Bild, diesmal aus der neuen Bleibe des Franzosens. Pünktlich zu Weihnachten flog er aus seiner letzten WG heraus - eine merkwürdige Konstruktion aus Unter-, Zwischen- und Übermiete. "Eigenbedarf" war der Grund, doch das fichtete ihn nicht an: So what?
Heute residiert er in Charlottenburg in einer Wohnung voller Lehrämter und angehenden Pädagogen - und argumentiert, ich sollte in die Gegend ziehen - dann könnte ich bei Filmabenden länger bleiben.


Taxifahrt auf Teilen. Wir waren im "Magnet-Club" gewesen, weil das schon verschiedene Leute, die hier her kommen, immer mal wieder mit Ehrfurcht ausgesprochen haben. Der Abend verkam zur Farce: Ich und meine zwei Begleiterinnen machten 33% der Gäste und 50% des anwesenden Alters aus... also bewiesen wir Contenance, als wir uns zum weiteren Konsum dezent auf das Herrenklo absetzten. Was dann passierte, ist auch fotographisch dokumentiert... aber ich werde mich hüten, das hier zu posten.
Am Ende hatte mein Gast, eine schwer gestörte Programmiererin, die ich außerordentlich sympathisch finde, sich mit nahezu jedem Türsteher in dem Laden in den Haaren - und wir wurden unter Schutz von angeblichen BKA-Undercover-Agenten aus den Toiletten eskortiert.


Kat Frankie live in Potsdam. Diverse Connaisseure der Androgynität bezeichneten sie wiederholt als die "schönste Frau auf Erden", und weil die Tickets erschwinglich waren, begleitete ich meine Mitbewohnerin Ende Januar zu dem Konzert. Ich wollte fotographieren & dokumentieren - gewohnheitsmäßig - doch meiner Begleiterin war das hochgradig peinlich. Also blieb es bei diesem einen Foto - und ich nutzte statt dessen das Handy als kleines Aufnahmegerät & fertigte mein erstes eigenes Bootleg an.
Kat Frankie ist eine merkwürdige Persönlichkeit - mit der Bühnenpräsenz eines Hannibal Lecters - sie hasst die Menschen, kann aber nicht anders, als vor ihnen aufzutreten. Ich mochte einige ihrer Songs, die ich vorher in unserer Küche passiv mitbekam (besonders "Please don't give me what I want"), doch live überzeugten sie & vor allem ihre Band wirklich.
Übrigens habe ich mich seit "The Musical Box" nicht mehr so deplatziert auf einem Konzert gefühlt... doch das gab mir Zeit zum Beobachten & Analysieren.
Kat Frankies legendäre Androgynität leitet sich - so meine These - von den einmaligen Proportionen ihres Gesichts ab: Von der Seite - eigentlich jedem denkbaren Winkel - hat sie ein zartes, schönes & recht feminines Gesicht. Doch wenn man sie direkt von vorne ansieht - sieht, was sie Zeit ihres Lebens im Spiegel sehen musste - dann starrt einem das feindselige Gesicht eines haarlosen Mannes entgegen.


And the Sky began to scream. Es gibt ein weitaus besseres Foto dieses Motivs, aber darauf ist leider jemand zu erkennen - und Quellenschutz genießt auf RumItself die einzige Priorität! 


Ich suche seit Monaten nach der perfekten Gelegenheit, dieses Foto einzusetzen - doch sie bietet sich mir nicht. Ich verstehe nicht ganz, wieso es in unserer Küche aufgehängt wurde oder aus welcher Zeitschrift es gerissen wurde (das Bild zeigt eigentlich zwei Reihen russischer Matrosen, die breit grinsen), aber mir gefiel der Schriftzug außerordentlich.
Sobald ich hier in Berlin fertig bin, werde ich nach Russland gehen. Das erscheint mir im Moment unvermeidbar.
"Norden und Osten," sage ich immer wieder. "Das sind die beiden einzigen Richtungen, in die ich mich noch bewegen möchte.


Das Berliner Naturkunde-Museum bei Nacht. Als Junge war "Das Relikt" einer meiner absoluten Lieblings-Filme - und er schärfte mein Verständnis für ein Museum als komplexen, modernen Betrieb. Davor dachte ich wohl irgendwie, das seien nur alte Gebäude, in die man altes Zeug reingetragen hätte...
Kurze Zeit darauf würde ich dorthin zurückkehren, unter dem Vorwand, 'Knut, den ausgestopften Eisbären' zu fotographieren, den man im Foyer gratis bestaunen konnte. 


Der Anfang vom Ende: winzige Risse, wo die Decke unseres Sozialbaus den aufgetürmten Eismassen nicht mehr stand halten konnte. Poster, die NOCH hängen. 
Schlimmer wurde es, nachdem die Dachdecker das erste Mal auf dem Dach waren.
Zur Katastrophe wurde es erst, nachdem die Trocknungstechniker ein "Vakuumgerät" aufstellten, obwohl die Decke noch immer nicht löchrig war.


Brandenburg, vermute ich mal. 
Mein Aufstieg von der RE- zur ICE-Crowd ist mir noch immer nicht ganz gelungen; wo auch immer ich sitze, ich schaffe es nie, mich so richtig stilvoll in die sonstige Menschenfracht integrieren zu können. Nie ein gebügeltes Kleidungsstück; nie ränderlose, ungerötete Augen; nie genug Geld, mir einen Kaffee von den vorbeirollenden Lakaien kaufen zu können.
Alle paar Haltestellen zur Tür hechtend, verzweifelt ein paar Züge an einer selbstgedrehten Kippe ziehend... nicht geschaffen für eine Welt voller Rauchverbote.


"Wir können Menschen ohne Flügel nicht 'Engel' nennen, deswegen nennen wir sie 'Freunde'."



Der Anblick dieser (vermeintlich) blanken Anzeigentafel machte mich fertig; irgendwas darin wirkte auf mich so anlockend und hypnotisierend wie eine elende Venusfliegenfalle... sollte mich das näher & näher locken, bis ich auf den Gleisen lande? Ich bin höchst paranoid geworden, was "subtile" Werbung angeht, wie sie in Berlin neuerdings in experimentellen Feldversuchen eingesetzt wird. Etwa "Weiße Schrift auf Weißem Grund", oder riesige, elaborierte Werbe-Fotos, die aber an keiner Stelle verraten, wofür sie eigentlich werben....
Und - natürlich am allerschlimmsten - die feigen Propagandaplakate der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"... aber die sind wieder ein völlig anderes Thema.



Die Amerikaner nutzten dieses Baby auf dem "Teufelsberg", um während des Kalten Krieges die Da Drüben abzuhorchen. Später (nachdem Echelon einsatzbereit war, vermute ich mal), nutze man die Anlage noch für Radarleitzwecke, aber seit 1999 ist sie sich selbst überlassen.
Der Franzose kannte den Ort; letztes Jahr sei er mit Verwandten mal dahinspaziert. Also machten wir uns letztes Wochenende mit ein paar Freunden auf, dort hoch zu kraxeln. "Papa braucht ein paar neue Profilbilder," verkündete ich groß.
Was wir nicht wussten: In der Zwischenzeit hatte irgendein "Privatmann" die Anlage gepachtet, alle Löcher in den Zäunen flicken lassen & eine Truppe unmotivierter türkischer Türsteher angeheuert, um das Tor zu bewachen.
Kommunikation war kaum möglich, aber nach zwei Gesprächen & viel Geduld hatte ich genug rausgehört, um die Situation zu verstehen: Es sei eine Event-Anlage für bedeutende Sprayer-Künstler geworden (Aha), und ausgerechnet heute sei eben so ein Event (Jaja), und weißte, der Grund wieso hier all diese hunderten von alten Leute hoch dürfen und ihr net ist (Ja?), dass die halt reserviert haben (Und?).
Es war zwecklos.
Wir setzten uns auf einen Baumstamm neben dem Eingang & gönnten uns einen Pyrrhus-Joint: Eigentlich nur, um den Kanaken wenigstens die Nase lang zu machen, die sich mit alten Omas & verwirrten Wanderern rumärgern mussten.


Bayern mag schön sein, aber dank meines angeborenen Kakerlaken-Instinkts überkamen mich immer wieder Wellen sanfter Paranoia.
"Weißt du, die schicken hier Polizisten auch auf Fahrrädern los - zum einen, um andere Radfahrer zur Strecke bringen zu können, zum anderen, weil man vom Fahrrad aus noch riecht, was man vom Polizeiwagen aus nicht mehr riecht!"
Jaja, solche Gespräche musst du mir noch drücken... 
Dieses Foto entsand, während meine Gaysha (höhöhö) in ihrem Lieblings-Homo-Club ihr Ding machte & ich irgendwann gelangweilt einen Spaziergang einlegte, mit der Absicht, meine Bronchien & meinen Horizont zu erweitern.
Ich mag diese Stadt.


Aus sich mir völlig entziehenden Gründen ist die Boddinstraße (Linie U8) meine absolute Lieblingshaltestelle des Berliner Untergrunds. Sie ist roh, sie wird nie fertig, man kann sich prima verstecken, sie ist eine Sackgasse... und bereits mehr als einmal stand ich, mit dem Kopf voller Schnaps, fasziniert vor den rohen Betonwänden... versunken in den Formen und Gesichtern, die ich in verschmiertem Zement auszumachen glaubte.


Wie zum Teufel heißen diese unscheinbaren Bäume, die still und heimlich in all unseren Städten stehen - und nur einmal im Mai für kurze Zeit in eine rosa Wolke aus Blumen explodieren? Ihre Schönheit ist flüchtig, und übermorgen sind sie schon wieder vergessen; verschmolzen mit der Banalität des Umfelds.

15.05.13

Want You Gone

Ich wachte heute völlig verbogen auf der staubigen Matratze in der Wandnische des "Single-Appartements" auf, in das mich meine Wohnungsbaugesellschaft gnädigerweise vor 4 Wochen ausquartiert hatte. Ich erledigte viel zu lange aufgeschobene Erledigungen & begab mich dann in die Überreste meiner alten Wohnung, wo nur noch die Küche benutzbar ist - aber wo es noch funktionierendes WLAN gibt.

Mein altes Zimmer ist nicht mehr da: Die Eismassen, die noch bis Ende März Berlin unter sich ersticken wollten, drangen durch die Decke, die Wände, alles. Mein Zimmer soff ab; der Schimmel folgte... und die Stromleitungen in den Wänden knisterten am Ende so bedrohlich, dass ich die Lichtschalter nur noch mit Schuhsohlen betätigte... bis ich es ganz aufgab & in der halben Wohnung die Sicherungen rausdrehte. 

Ich habe ein gewisses Faible für den Nullpunkt, aber nach vier Wochen in diesem kalt-feuchten Schimmel-Klima war ich so schwach, dass ich mich nur noch unter Mühe zwischen Couch und Bett hin- und herbewegen konnte. Mein Kopf hämmerte bedrohlich, meine Lungen rasselten... und meine glorreichen Mitbewohner nahmen die Problematik erst wahr, als das Wasser schließlich auch aus ihren Zimmerdecken zu tropfen begann.

Bis zu dem Punkt wäre der Schaden ja wieder behebbar gewesen. Ich mochte meine Wohnung. Ich mochte meine Mitbewohner.

Aber ebenso wie in der Decke sich Rissen und Frakturen gebildet hatten, die dem Druck nicht mehr länger stand halten konnten, war es wohl auch meinen Mitbewohnern gegangen. Ich lebte hier mit drei anderen Leuten: Einem italienischen Kulturwissenschaftler, einer iranischen Masseuse und einer deutschen... ja, was eigentlich... Uni-Abbrecherin? 

Die Abbrecherin hatte im Herbst beschlossen, dass sie jetzt, mit 21 Jahren, auf einmal lesbisch werden müsste. Ich lieferte ihr eine Traumfrau frei Haus - und sie setzte das ganze glorreich in den Sand. Danach wollte sie mich weder ansehen, geschweige denn mit mir reden. Shooting the Messenger.

Mit der Iranerin hatte ich ganz andere Probleme. Ich komme mit Menschen klar, die dumm sind, und ich komme auch mit Menschen klar, die falsch sind (manchmal liebe ich sie sogar dafür)... aber dumme, falsche Menschen sind eine gefährliche Kombination: Alles was sie nicht auf Anhieb verstehen macht ihnen Angst, und wenn sie Angst haben, werden sie aggressiv und feindselig.
Wann auch immer sie gerade mit niemandem zusammen sein konnte, ließ sie ihren Frust also an mir aus  - aber ich versuchte ihr klar zu machen: Ich bin dein Mitbewohner, nicht dein Freund. Manchen Scheiß muss ich mir nicht anhören.

Beide hatten ihre Probleme & sehnten sich nach einem einfacheren Leben: Keine Uni, mehr Arbeitslosigkeit, das Hoffen darauf, dass das Leben irgendwann doch noch zum Ponyhof wird. Was mich auch nicht mal so sehr angewidert hätte, wenn ich mir nicht mehr und mehr wie derjenige vorgekommen wäre, auf den man sich bei dem ganzen Spaß verlassen würde. Und nachdem ich zwei Monate die WG-Einkäufe übernommen hatte, brachte ich das mal zur Sprache.

Hätte ich besser mal nicht getan. Mein diplomatischer Versuch, die beiden zu mehr Eigenverantwortung zu motivieren, endete in einem Fiasko... und setzte eine nebulöse Kette der Ereignisse in Gange, an deren Ende ich in einer ziemlich hinterfotzigen Aktion aus der WG geschmissen wurde. Was auch immer der wirkliche Grund ist - ich kann auch heute, fast 2 Monate später, nur darüber spekulieren. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Am Ende stand ich wieder alleine da. Und während ich mich jetzt durch die Posts von WG-Gesucht.de wühle, dämmert mir der Gedanke: Hätte ich mich nicht lieber weiter wie Dreck behandeln lassen können? Das hätte mich am Ende wohl weniger Nerven gekostet. Klar bin ich nicht unschuldig, aber die Vorwürfe, die ich mir am Ende habe machen lassen müssen, sind hanebüchen: 

[] "Du schließt dich den halben Tag in deinem Zimmer ein!"
(Ich arbeite von zuhause aus... und, wie gesagt, ich *arbeite* überhaupt.)
[] "Wir haben gerade alle unsere Probleme... und die Atmosphäre hier drin ist dementsprechend schlecht."
(Ich habe diese Probleme nicht ausgelöst. Und was heißt hier "uns" - bis zu dem Augenblick ging es mir super!)
[] "Mit dir kann man nicht mehr reden!"
(Sie fickt eine meiner Freundinnen, setzt das in den Sand & hat dann Angst davor, mit mir zu reden!)
[] "Wir sind eine linke WG, wenn du einen Putzplan willst bist du hier falsch!"
(Ich hatte lediglich angeregt, dass wir die Verantwortung in dringenden Fällen aufteilen, statt sie weiter auf unsere unfähige Hauptmieterin abzuwälzen, die ihren Arsch erst in Gang brachte, als das Wasser auch aus ihrer Decke tropfte... ich meine, fuck, ich war nach 9 Monaten noch nicht einmal eingetragener Mieter, weil sie das immer "Morgen" erledigen gehen wollte.)
[] "Dass du dich über den Einkauf aufgeregt hast, hat mich so verletzt. Wir haben hier immer alles geteilt!"
(Ja, bis auf die Rechnung...)
[] "Als ich letzten Monat davon geredet habe, auszuziehen, hast du nicht um mich gekämpft! Du hast nicht versuch, mich hierzubehalten!"
(Nur eine Frau kann überhaupt glauben, dass das ein Argument ist, das man aussprechen sollte!)
[] "Oh, und mal ganz abgesehen davon will mein Freund hier einziehen."
(Ach so. Jetzt verstehe ich.)


Aber was soll's. Die beiden hatten mich in eine Falle gelockt & dafür gesorgt, dass der Italiener nicht zugegen ist. Sie selbst hatten Verstärkung dabei, die Iranerin ihren Freund; die andere ihre Schwester; mit einer falschen SMS hatten sie mich zu dem Treffen gelockt, und so starrten mich acht feindselige Augen an - und es dauerte quälend lange, bis ich kapierte, worauf die wirklich hinaus wollten...

Am nächsten Tag ging ich mit zur Mietgesellschaft & handelte uns Ersatzwohnungen für die Dauer der Wasserschaden-Renovierung sowie 100%ige Mietpreisminderung raus. Ich unternahm einen letzten Versuch, mit der Hauptmieterin zu reden, meinen guten Willen zu beweisen und ihr klar zu machen, dass ich sie mag, dass ich nichts gegen sie habe und wir uns in einem Morast aus Missverständnissen verrannt haben. 
Am Ende schrie sie mich auf offener Straße an. Ich sagte ihr: "Wenn ich alles richtig mache, merkt niemand, dass ich überhaupt irgendetwas getan habe. Aber wenn ich nur einen einzigen Fehler mache, dann hasst mich am Ende jeder?"

In dem Moment beschloss ich, mich dem Unvermeidlichen zu beugen.

Jetzt hausen wir, mietfrei, in unseren jeweiligen Appartements & missbrauchen die Reste unserer alten WG als eine Art Internet-Café: Die Küche kann man nach wie vor benutzen, und das WLAN geht auch noch. 
Ich suche eine Wohnung, die ich auch bezahlen kann - was garnicht mal so leicht ist, wenn man pünktlich zum Semesteranfang vor die Tür gesetzt wird. 

Und was lernen wir daraus? Über das Leben, über Parasiten und Überlebenswillen? Was lerne ich daraus? Wie unbezahlbar ist eine Einzelwohnung? 
Das Gefühl der Enttäuschung ist zweischneidig, denn: Ist es nicht irgendwie auch ein gutes Zeichen, wenn solche Figuren einen enttäuschen? Heißt das nicht auch, dass ich mich noch nicht selbst abgeschrieben habe? 
Denn darauf läuft das alles hinaus: Arroganz und Zorn. Neue Feinde.

Hehehe.
Als ob ich zum ersten Mal in meinem Leben der Ausgestoßene wäre.

14.05.13

Völlig neue Fehler

Das Leben geht weiter.
Gib auf.
Lass es sein.
Visualisiere dir etwas.
Denk an einen schöneren Ort.
Grabe irgendetwas aus deinen Erinnerungen aus.
Summe dein Mantra.
Tu so als würde es nicht geschehen.
Verschütte deine Emotionen.
Verachte deinen Selbsthass.
Drück wieder auf die Start-Taste.
Scheiß auf alle.
Brenn alles nieder.
Nicht jeder Mensch braucht ein Unterbewusstsein.
Brich deine Regeln.
Zerschneid deine Haut.
Beiß dir auf die Lippe.
Kuck weg.
Bring es zu Papier.
Drück dich aus.
Kummer braucht Sprache.
Überlege es dir besser.
Vergiss ihn, sie, es.
Greif auf Vorurteile zurück.
Reagiere mit Reflex.
Zuck zusammen.
Brech auf.
Sag es einfach.
Sprich es aus.
Hör dir an, wie du selbst klingst.
Lern aus völlig neuen Fehlern.

04.05.13

Dreizehn Monate Berlin

Früher sah ich den Tagen dabei zu, wie sie sinnlos verstrichen, heute sehe ich ganze Monate vor mir dahinblättern: April, Mai, Juni, Juli, August, September, Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März, April und nun wieder Mai.
Seit 13 Monaten bin ich in dieser gottverdammten Stadt. Berlin.

Der ursprüngliche Plan war, hier meine große Liebe zu finden oder zumindest einen Ort, an dem ich in Ruhe Selbstmord begehen könnte, fern ab von meiner Familie, meinen Freunden und all den Leuten, die mir das krumm nehmen könnten. Mein letzter Selbstmordversuch ist dreieinhalb Jahre her (die Nacht meines 24. Geburtstages) - und endete damit, dass eine Freundin mich anrief, ob sie nicht mit einer Flasche Wein vorbei kommen könnte. Also ließ ich das Sterben sein & hatte statt dessen einen netten Abend.

Ich habe ihr das nie erzählt - denn ich glaube nicht, dass das wie ein Kompliment wirken würde: "Hey, ohne dich wäre ich tot!"

Ich habe eine unglaubliche Verachtung gegenüber Selbstmördern. Die bloße Vorstellung, jemandem mit dem eigenen Tod zu drohen, den reinen Beigeschmack dieser billigen, emotionalen Erpressung... ich bin ein gebranntes Kind, was das angeht. Seit mich meine erste Freundin vor vielen Jahren aus der Psychiatrie anrief, um mir mit fröhlicher Stimme zu erzählen, dass ich mir "keine Sorgen mehr machen bräuchte", dass sie zwei Wochen weggeschlossen war, weil sie sich zuhause hat umbringen wollen (und natürlich rechtzeitig gefunden wurde, die gottverdammte Drama-Queen), und dass es ihr jetzt so gut ginge wie seit langer Zeit nicht mehr... ich hörte mir das alles an, am Telefon, ganz ruhig, aber dabei ging tief in mir etwas kaputt.

Der Tod hat unseren Respekt verdient. 

Sprich seinen Namen nicht unnütz aus.

Aber deswegen habe ich auch massive Skrupel, über meine Todessehnsucht zu schreiben. Ich weiß, wie das klingt: Noch so ein armer Spinner, der Aufmerksamkeit möchte. Noch so eine Drama-Queen. Noch einer, der sich mental einen darauf runterholt, dass man ihn am Ende vielleicht doch vermissen könnte.

Aber das ist es nicht mal. Mich kann auch keine Aufmerksamkeit mehr retten. Ich komme mit Aufmerksamkeit nicht mal mehr wirklich klar.

Ich wache auf und spüre Das Nichts.

Tief in mir ist Nichts. Und dieses Nichts hat mich so ausgehöhlt, hat alles weggebrannt, was mich mal ausgemacht hat: Meinen Humor, meine Intelligenz, meine Liebenswürdigkeit. Ich sehe in den Spiegel und sehe einen gebrochenen Mann, ein absolutes Opfer. 
Jemand, der zu lange den Jesus-Style versucht hat: auch noch die andere Wange hinhalten. Jemand, der vor jedem Streit davon läuft; der einfach alle Schuld auf sich nimmt, wenn ihm das Aufwand erspart. Jemand, der einen weiteren Zug am Joint nimmt, statt der blöden Kuh einfach eine zu verpassen.

Ich habe die Mechanismen meiner ursprünglichen Persönlichkeit in viele, viele kleine Teile zerbrochen. Da gibt es "Henrie Schnee", meine Persona, wenn ich mich mal wieder fiktiv fühle. Es gibt den "Skorpion", dieses kalte, kalkulierende Etwas, zu dass ich werde, wenn ich Emotionen spüre, mit denen ich nicht umgehen kann. Es gibt den "Destroyer", dieser augenlose Drache, der euch alle am liebsten brennen sehen würde. Und es gibt den "Hurdy Gurdy Man", der euch am liebsten alle retten würde, wenn ihr mir doch nur ein einziges Mal zuhören würdet...

Aber ich weiß auch, dass das nur Streßgequatsche ist. Ich bin vielleicht bipolar, aber ich bin mir dessen immerhin bewusst. 

Die Wahrheit ist, dass ich am Ende bin, weil andere Schuld sind. Weil ich zu viel geschluckt habe. Weil ich niemals jemanden verletzten möchte, für den ich etwas empfinde. 

Die Wahrheit ist, ich bin nicht mein Problem. Ich bin deren Problem. Und ich bin nicht derjenige, der dafür zahlen wird
Dreizehn Monate in Berlin, und mir wird (während ich dies schreibe) langsam klar: Die Türen schwingen in beide Richtungen. Diese Stadt will mich kaputt machen? Diese Stadt will mich so lange leiden sehen, bis ich an einem Verlängerungskabel von meinem Balkon baumele? Diese Stadt will mich vernichten?

Fuck you, Berlin. Du willst dich mit mir anlegen? Du willst sehen, wozu ich in der Lage bin? Du willst brennen?

Die Wahrheit ist: Ich bin unsterblich.

06.04.13

Beginn des dritten Buches: Shaking the Habitual



Without you my LIFE would be BORING!
What if we can't make it but we say that we canShaking the habitual!relate it to TimeWe're laughing at the future and we cry 'bout the pastI'm holding on forever but how long will forever last? 
Without you my LIFE would be BORING!






The Knife: "Shaking the Habitual". Sieben Jahre sind vergangen... Hier findet ihr einen guten Crash-Kurs über die Band & das Album.