16.02.10

mp3-Nazi (it's the music that we choose)

Wer mich kennt weiß, dass ich ein mp3-Nazi bin. Das ist historisch so gewachsen, und ich bin froh, dass es mir ein Ventil ermöglicht für meine finstersten, deutschen Instinkte: Sotieren, ordnen, aufräumen, katalogisierien, kategorisieren, filtern, aussortieren, bewerten und recherchieren.

Es fing alles ganz unschuldig damit an, dass ich irgendwann Ende 16 den Sony "Discman" meines Vaters kaputt gekriegt hatte, eine in Ehren gehaltene Reliquie der 80er, einer der ersten tragbaren CD-Spieler. Die Schuld war nicht bei mir zu suchen, versicherte ich, dieses Teil war einfach nicht den täglichen Belastungen eines Schultags, Sauftouren und handgreiflicher Busfahrten gewachsen gewesen. Es hatte... fuck... ich glaube 5 Sekunden Skip-Prevention, was bedeutete der Bus konnte maximal 5 Sekunden lang durch Schlaglöcher hoppsen, sonst hätte sich der Laser neu justieren müssen und die Musik hätte derweil gestoppt.

Fuck it, dachte ich mir, und von meinem allerersten Lohn zog ich mit 17 los, mir meinen eigenen CD-Player zu kaufen. Ich weiß den Hersteller schon nicht mehr, aber er war ideal für meine Zwecke: Robust, billig, funktionsreich - und das geilste, er spielte das damals brandneue Format der mp3-CD ab. Auf einen Schlag musste ich nicht mehr fünf Pink Floyd-CDs mit mir rumschleppen.

Damals war der Standard 128 kb/s. Das war die Zeit, als WMP zum Rippen der eigenen Sammlung das Maß aller Dinge war und man bei Sat.1 im Mittagsmagazin den Kindern noch erklärte, wie man Kazaa benutzt.

My mama said to slow down
You must make your shoes
Stop dancing to the music
Of Gorillaz in a happy mood

The happiest Days of our Lives... es ist schirr, welche Artefakte diese Zeit hinterlassen hat. Der Kasache hat heute noch in seinem CD-Wechsler eine Disc, die ich ihm damals im letzten Schuljahr gebrannt habe. Mit Johnny Cashs "A satisfied Mind", Gorillaz "M1A1" und "Xcess" von Slick Idiot...
Ich hab noch mp3s aus der Zeit.... müsste nur danach suchen.

Aber, wie gesagt, ich bin ein Nazi für Musik... und so konnte es nicht lange bei 128 kb/s bleiben. Es hatte nur einen Vorteil: Man bekam viel Musik auf eine CD, und, ganz ehrlich, mit 17 sind die Ohren noch nicht kaputt genug, dass man wirklich den Unterschied heraushören würde.

Ich beharre auf dem Standpunkt, dass sich das Audiophile Gehör erst nach mindestens 3 viel zu lauten Konzertbesuchen entwickelt.

Die erste Revolution war simpel, ich digitalisierte alles einmal neu. Der Konsenz zu der Zeit waren 192kb/s: Ein Kompomis aus Qualität und Platz. Ich finde die Vorstellung, dass tatsächlich Menschen darauf bestehen, sich ihre Bootlegs als .flac anzuhören, irgendwie... nicht nachvollziehbar.
Die zweite Revolution war mein iPod: Das Geheimnis hinter den Dingern ist garnicht mal so sehr die Hardware, sondern die Software mit denen man sie befüllt: iTunes ist bei der systematischen Nutzung von wirklich großen Musiksammlungen unschlagbar - mit seinen "intelligenten Playlisten".

Ein Beispiel: Ich habe eine Playlist mit dem Namen "Nine Inch Nails", und weil ich will, dass das einerseits eine Art Best-Of ist, andererseits aber jedes mal anders klingen soll, wenn ich sie mir anhöre, habe ich es so eingestellt, dass die Liste sich automatisch neu bestückt mit Liedern, die (a) von Nine Inch Nails sind, (b) mit mindestens 4 von 5 Sternen bewertet sind und die (c) in den letzten 3 Tagen noch nicht gespielt wurden - damit wird sichergestellt, dass ein einmal gehörtes Lied von alleine wieder aus der Liste verschwindet und für ein neues Platz macht. Solche Listen habe ich für alle Musiker eingerichtet, von denen ich größere Sammlungen besitze: Gorillaz, Peter Gabriel, Genesis, die Beatles, Manson... außerdem nochmal jeweils eine ähnliche Liste nicht für Interpreten, sondern Genres: Electronic, Rock, Hip-Hop, Hippie-Musik...

Und glaubt mir, das war eine Schweinearbeit, bis das alles funktionierte. Als ich meinen iPod bekam, hielt ich es für angebracht, meine alte Musiksammlung zu vernichten und alle meine Alben neu zu digitalisieren. Ich hatte mich schlau gemacht und das ultimative Programm entdeckt: EAC, aka Exact Audio Copy, ein Freeware-Tool, dass es bis heute leider Gottes nur für den PC gibt.
Was dieser kleine Bastard tut ist phänomenal: Um den Rip nicht der zweifelhaften Qualität der Soundkarten zu überlassen liest dieses Programm die Lieder direkt von der CD ab, wandelt sie ins verlustfreie Wave-Format um, und konvertiert diese dann erst in ein Format nach Wahl des Users. Ich entschied mich für lame-mp3s (quasi, der Goldstandard) mit Variabeler BitRate, was meistens so um die 250 kb/s liegt.
Platz ist heute nicht mehr das Problem, dass es 2002 noch war. Heute kann mein Handy so viel Musik speichern wie seinerzeit noch 50 CDs.

Okay, Encodierung ist die eine Seite der Medallie, aber die Nazi-Arbeit beginnt erst, wenn man sich um die Details kümmern muss: All diese Cover, überall dafür sorgen, dass alles möglichst einheitlich gehalten ist - denn sonst funktioniert es nicht. Das ist meine Modelleisenbahn. Das mache ich, wenn ich Streß abbauen muss.

It's the music that we choose
It's the music that we choose (Keep a mild groove on)
It's the music that we choose

Aber es bringt fette Vorteile... ich bin schneller als jeder Radio-DJ, und jeder der hier in diesem Zimmer war hat diese eine Frage gehört: "Musikwünsche?" - ich habe alles, und ich finde immer das, worauf ich gerade Bock habe. Ich habe hier alles vernetzt, und ich habe alle Peripherie-Geräte nach Dharma-Stationen benannt, damit ich durchblicke, was woran angeschlossen ist. Das Zentrum bildet mein MacBook ("The Orchid", wegen dem Time Machine-Feature), an die eine externe Festplatte angeschlossen ist ("The Hydra", weil sie zwei Partitionierungen hat), eine für Musik, eine für Back-Ups. Bis vor kurzem spielte die mobile Musik auf meinem 120GB iPod ("The Looking-Glass", because it was programed by a musician und weil ich mir das Teil kaufen musste, nachdem ich meinen alten mp3 Player dummerweise ersäuft habe), aber letztes Weihnachten besorgte ich mir ein iPhone ("The Pearl"....), was ihn bis jetzt ziemlich gut ersetzt. Zusammengehalten wird das ganze von dem Verstärker und dem WLAN-Router (beides "The Flame").

(Spaßeshalber, der Dharma-Witz geht weiter: Der Drucker ist "The Arrow", mein alter PC "The Swan", mein USB-Stick "The Tempest"... und in einem schwachen Moment nannte ich den iMac auf der Arbeit "The Lamp-Post").

Und heute gehe ich ab. Ich höre praktisch ununterbrochen Musik. Es gibt Menschen, die den Fernseher als Ersatz für menschliche Gesellschaft missbrauchen, ihn anschalten sobald sie die Tür hereinkommen, einfach nur, um eine menschliche Stimme zu haben. Aber ich spiel das lieber mit Muzak. Vielleicht weil ich so harmoniesüchtig bin, wer weiß?

And if time's elimination
Then we got nothing to lose
Please repeat the message
It's the music that we choose
(Gorillaz 19/2000)

1 Kommentar:

divine_infekt hat gesagt…

AHAHAHA! Und ich bin fast ein mp3-Nazi! Aber warum Nazi? Weil alles so geordnet und kontrolliert ist? :P
Jedenfalls lustig und schön, dass es noch andere Menschen gibt, die ihre Sammlung schön pflegen. ^^
Und von Lost kenn ich glaub erst die Orchidee denk ich... aber echt nice die "Posten" alle so zu bennen! :D
Bist du draußen oder zu Haus, Musik ist alles was du brauchst! Yee-Haw!