07.03.10

Silent Hill: Shattered Memories

Ich hatte schon immer ein Faible für Silent Hill, seit ich es damals zum ersten Mal auf der PSOne meines Cousins sah, irgendwann 1998 oder 1999. Das ganze war einfach viel zu übertrieben, um auf einen 14 jährigen nicht wie der Heilige Gral des Horrors zu wirken.
Wir waren es seit jeher gewohnt, dass ein Videospiel eine Geschichte erzählt, die mal besser, für gewöhnlich aber schlechter ist, als man erwarten würde. Wir waren es gewohnt, einen linearen Part entlang zu laufen, auf dem Weg plausibele Gegner wie Zombies oder Aliens umzunieten und dann ein Rätsel zu lösen à la "Öffne die Herz-Tür mit dem Herz-Schlüssel".

Silent Hill war... anders. Es war graphisch anders: Während Resident Evil noch Jahre später auf vorgezeichnete, statische Hintergründe zurückgreifen würde, war die Stadt Silent Hill vollkommen Polygonen-basiert. Alles was man sieht, sei es eine Hundehütte, ein zerstörtes Polizeiauto oder ein Vergnügungspark, war mühevoll von Hand animiert. Dadurch war es zwar häßlicher, aber so viel detaillierter, plastischer und tangiler als alles andere, was man je zuvor im Survival Horror zocken konnte.*
Bei meinem ersten Durchspielen fiel mir das jedoch herzlich wenig auf. Ich rannte wie verrückt um mein Leben und hatte Schiss davor, jede Tür zu öffnen. Vor ein paar Jahren spielte ich es dann ein zweites mal, und dieses mal nahm ich mir die Zeit, jeden Winkel der verlassenen Stadt mit der Taschenlampe zu durchsuchen & mich von dem schieren Level kranker Details berauschen zu lassen.



Die Geschichte lässt sich gut zusammenfassen, ohne dass allzu viel verraten wird: Der verwittwerte Schriftsteller Harry Mason hat auf dem Weg in den Ferienort Silent Hill einen schweren Autounfall. Nachdem er einer Frau ausweicht, die vor ihm quer über die Straße rennt, knallt sein Wagen in die Leitplanke - und als Harry wieder zu Bewusstsein kommt, ist seine Adoptivtochter Cheryl vom Rücksitz verschwunden und in die Dunkelheit geflüchtet.
An dieser Stelle setzt das eigentliche Spielgeschehen ein, und man verbringt die kommenden 10 Stunden damit, sich durch die nebligen und verlassenen Straßen der Stadt zu bewegen, die sich an bestimmten Stellen in grausame Alpträume aus rostigem Stacheldraht und über dem Nichts schwebender Laufgitter verwandeln. Bäume werden zu quietschenden, rostgesprenkelten Windrädern. Und man entdeckt, dass man leider nicht alleine in diesem Traum gefangen ist...

Das Spiel läuft auf jeder PS2 oder PS3, also gibt es nicht wirklich eine Entschuldigung dafür, diesen Meilenstein der Videospielgeschichte nicht mal anzutesten, insbesondere wenn man wie ich eine angeborene Affinität zum Morbiden und Verdrehten teilt.

Wenn man über Silent Hill spricht, muss man immer auch den zweiten Teil erwähnen, einer der verspäteten Launchtitel der PS2. Grafisch gesehen war es ein Quantensprung; die generelle Spielmechanik war die selbe, aber die mit besseren Texturen neu entworfene Stadt sieht selbst heute, nach 10 Jahren, so beklemmend und doch wunderschön aus wie wenige andere Videospiel-Welten. Beide Spiele kaschierten die immensen Grafikanforderungen an die jeweilige Konsole mit einer Kombination aus dichtem Nebel und absoluter Finsternis, die nur von einer Taschenlampe erhellt werden kann (oder, in der mittlerweile berühmt gewordenen Anfangssequenz von Teil 1, lediglich einem Streichholz) - ein genialer Effekt, der niemals billig wirkt, sondern das Gefühl von Isolation und Beklemmung nur noch mehr unterfüttert.

Teil 2 dreht die Formel des ersten Spieles genau um: Die Spielfigur, James Sunderland, ist kein Außenstehender, der lediglich in die geheimnisvollen Geschehnisse der Stadt hineingezogen wird. Sunderland wurde von der Stadt gerufen. Er erhielt einen Brief seiner vor 3 Jahren verstorbenen Frau, in dem sie ihm verspricht, ihn dort zu treffen.

"In my restless dreams, I see that town.
Silent Hill.
You promised you'd take me there again someday.
But you never did.
Well I'm alone there now...
In our 'special place'...
Waiting for you..."

In die Videospiel-Geschichte ging dieses Spiel wegen eines einzigen Features ein: Es beobachtete den Spieler dabei, wie er das Game spielte, mit welchen Figuren er mehr Zeit verbrachte, welche Objekte und Hinweise er mehr studierte als andere. Ob er vorsichtig und bedächtig spielte oder rücksichtslos und selbstzerstörerisch. Je nachdem wie es den Spieler einschätzte (und ob er bestimmte Objekte fand) konnte es eines von 6 verschiedenen Enden ergeben.
Ich fühlte mich noch selten so deprimiert und verloren als an diesem verregneten Novembertag, an dem ich das Spiel zum ersten Mal durchgezockt hatte.



Danach ging Silent Hill den Weg jeder großartigen Serie: Alle paar Jahre erschienen halbherzige Nachfolger, die zwar grafisch immer komplexer wurden, aber an der generellen Formel wenig mehr ändern konnten. Silent Hill 3, der frustrierendste Teil der Serie, bringt die Geschichte von Teil 1 zu einem runden Ende. Silent Hill 4 - "The Room" wird heute generell als gescheitertes Experiment angesehen. Danach löste man das japanische Entwicklerteam auf & Konami lizenzierte das Spiel an die Amerikaner.
Ab dem Moment machte sich niemand mehr Hoffnungen auf einen guten Teil. Der fünfte Teil, in bester Resident Evil-Manier "0rigins" genannt (Mit einer Null statt einem O! Wer hätte das gedacht?) war mein Vorwand, mir ne PSP zu kaufen. Es war ein gutes, unterhaltsames Spiel mit einigen wirklich atmosphärischen Stellen, aber die Geschichte war Wischi-Waschi - das Spiel wirkte mehr wie ein Best-Of.
"Silent Hill V - Homecoming" erschien exklusiv für die PS3 (obwohl auch eine nahezu unspielbare PC-Version ausgeliefert wurde, just to fuck with my head), und ich hatte daher noch keine Gelegenheit, es mal in Ruhe zu spielen. Der generellen Stimmung in der Community nach zu folgen habe ich aber sicher nicht verpasst.

Und nun brachte man die mittlerweile siebte Iteration auf den Markt: "Silent Hill: Shattered Memories", und die Tatsache dass ich es gestern Abend erst durchgezockt habe und heute mir schon die Finger darüber wund tippe sollte euch einen groben Eindruck davon geben, wie beeindruckt ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder von dieser Serie bin.

Und dabei klangen die im Vorfeld bekannt gegebenen Infos wie ein Rezept für das ultimative Disaster: Es sei primär für die Wii konzipiert worden (...), es sein Remake des ersten Teils, angesiedelt in unserer Gegenwart (...), man hätte auf das Kampfelement mit den alptraumhaften Wesen komplett verzichtet (!!!), so dass man jetzt nur noch wegrennen könne, und das einzige Gameplay-Tool sei ein Handy.

Aber ein anderes Feature interessierte mich: Das Spiel würde mehr noch als Teil 2 den Spieler psychologisch bewerten und seinen Inhalt subtil den Ängsten und Schwächen des jeweiligen Spielers anpassen - die Promo verspricht einem quasi "den ganz privaten Trip in die Hölle". Und fuck... es hätte nur 30 Euro kosten sollen, und es ist ja nicht so, als hätte ich im Moment besseres zu tun, wie etwa meine drei Hausarbeits-Papers endlich verfassen oder für meine Zwischenprüfung in "Philosophie der Zeit" paucken...

Ich bin so dermaßen von diesem Spiel beeindruckt, dass ich garnicht mal weiß wo ich anfangen soll zu schwärmen, ohne versehentlich zu viel zu verraten. Sagen wir mal so, die Funktion mit der psychologischen Evaluation funktioniert. Ich war mehr als... überrascht, wie ähnlich sich manche Charaktere verhielten wie Menschen, die ich kenne & mag. Für mich war das Spiel voller böser Anspielungen an Alice in Wunderland und Drogen, während andere Berichte die ich gelesen habe völlig andere Details erwähnen, die ich nie zu sehen bekam.

Die Idee, seine Gegner nicht mehr bekämpfen zu können, sondern konstant vor ihnen flüchten zu müssen, ist konsequent und genial umgesetzt. Die Steuerung war in der PS2-Version ordentlich, aber ich kann mir jetzt vorstellen, wie cool es sein muss dieses Game auf der Wii zu zocken. Da der Kampf nun weg ist, rückt ein anderes Element in den Vordergrund, das sonst immer nur optional war: Erkundung. Das Spiel zwingt einem zu nichts, aber wenn man sich erst einmal auf die Suche nach versteckten Hinweisen und Story-Fetzen macht, wird man süchtig danach.
Am meisten beeindruckte mich jedoch die Ästhetik, die sich auf zwei Stilelemente beschränkte: Die Idee von Kälte, in Form von Gletschern, Schneestürmen, gefrorenen Böden und Wänden und die Idee von korrupten Daten, wie ein digitaler Film, dem zuviel Kompression wiederfuhr oder ein Familienvideo, das zu oft abgespielt worden war.



Ich bin mit Horrorfilmen aufgewachsen, also können mich die meisten Horror-Kreaturen nur noch schwer erschrecken. Was mich aber fertig macht ist bizarre Architektur, Gebäude, die unmögliche Winkel und Dimensionen aufweisen, Treppen ins Nirgendwo, solche Sachen - von denen Wimmeln meine Alpträume. Ich kann nicht sagen, ob dies auch Ergebnis der psychologischen Bewertung war oder bei jedem Durchspielen vorkommt, aber mich hat es auf jeden Fall mächtig fertig gemacht.
Ganz zu schweigen von dem Ende, das von Insidern bereits das "Shyamalahn-Ende" genannt wird.

Großartiges Spiel, und ich fordere jeden auf, der gerade 30 Euro zu viel im Geldbeutel und circa 10 Stunden (oder drei Abende) Zeit hat, sie für seine persönliche psychologische Erniedrigung zu verwenden.
Das Spiel ist erhältlich für Wii, PS2 und PSP.

Alle hier gezeigten Screenshots stammen von Valtiel's Silent Hill Site.


PS.: Falls das jemand hier lesen sollte, der bereits mit der Materie vertraut ist: Zieh dir diese Webseite rein! Könnte dir abgehen.




*sieht man von der Alone in the Dark-Serie ab? Ich habe die erst im Nachhinein entdeckt, und obwohl ich ihre Ambitionen bewundere, muss ich doch sagen: Sie waren ihrer Zeit leider zu weit voraus und daher kaum spielbar.

Kommentare:

Ry hat gesagt…

Oh, nur 30€ und für PS2? Das verleitet mich ja wirklich. °-° Aber durch die fehlenden Kampfelemente wird mich das Spiel endgültig in den psychischen Ruin treiben.

Tom Puffo hat gesagt…

Hey, wenn dir das Spiel abgeht, dann wird dir folgendes Meisterwerk wahrscheinlich auch sehr gefallen:
http://www.penumbragame.com/game.php
Gibts für den PC und ist ziemlich... alternativ ;)
Allerdings ist Teil 2 - also Black Plague - um einiges besser, als die vorherige Episode...