22.12.10

Mann gegen Mann

"Ich wusste, dass 2010 irgendetwas passieren wird - ich hab's dir prophezeit, erinnerst du dich? - und ich hatte recht. Und es waren nicht irgendwelche Ölkatastrophen. Oder... Wirtschaftskrisen oder die Apokalypse, von der du dauernd laberst! Hihihihi... es war ausgerechnet DAS!"

Das sagte der Kasache mir gestern, im Vertrauen, nachdem wir uns mit aller Mühe angeschickt hatten, so etwas wie ein ernsthaftes Männergespräch zu halten, statt dem kichernden Argumentenschach, das wir sonst immer spielen. Er klammerte sich an seine Flasche Bier, dummerweise das einzige, was ich meinem Gast anzubieten hatte, ich kippte ein Glas Rum-Cola nach dem anderen.
Nachdem H. in Berlin verloren ging, die graue Eminenz nach Marburg emigrierte und wir dann vor 2 Jahren auch noch den Polen an die Sinologie verloren haben ist der Kasache das letzte Mitglied des alten Rudels, der noch in den Grenzen unseres angestammten Reviers wildert. Nicht dass unser Revier heute noch viel mit den engen lokalen Bahnen zu tun hat, in denen wir uns zu Schulzeiten bewegen mussten... aber nach wie vor, er ist hier geblieben, obwohl er sehr wohl wusste, welche Gefahren drohen, wenn man sich selbst gestattet, in diesem Bundesland Wurzeln zu schlagen.

Die Feiertage stehen an, und somit mein liebster Abschnitt des Jahres: das Ende. Seit Mitte Dezember sank meine Bereitschaft, Finger zu krümmen von Tag zu Tag, und mit dem offiziellen Beginn meines hartverdienten Urlaubs und dem inoffiziellen Ende der Lehrveranstaltungen an der Universität im Laufe dieser Tage konnte mein gestreßter Verstand wieder etwas Atem schnappen. Ich ersticke, innerlich, wenn ich zu lange gezwungen bin, die Maske der Zurechnungsfähigkeit in der Öffentlichkeit zu tragen - aus einer Myriade von Gründen: den kritischen Blicken meiner Mitarbeiter, den realitätsfernen Weltanschauungen meiner Dozenten, den empfindlichen Sinnesorganen von Zivilpolizisten, dem ökonomischen Druck, allzeit wie eine funktionierende Drohne wirken zu können.
But no more! Bis Anfang Januar kann mich die Gesellschaft als solche mal sehr, sehr gern haben.
Ich ziehe mich nun zurück, in die Zwischenwände.
Ich ziehe mich nun zurück, in die Zwischenwelten.

Eine Menge Leute haben die Einladung erhalten, und ich bin gespannt, wer in den kommenden Tagen alles aufläuft. Wie jedes Jahr weiß ich sehr genau, was ich über Weihnachten tun werde, habe aber noch nicht einmal den Hauch eines Plans, was an Silvester - dem Feiertag der Spontanietät - geschehen wird.

"Und der arme Pole... jetzt wird ihm schon wieder die Show gestohlen...", sagte ich zum Kasachen, einem flüchtigen Gedanken folgend.
Der Pole wollte uns seine neue chinesische Freundin vorstellen, 张欢, und warnte uns schon einmal, dass das ganze wahrscheinlich kaum "funktionieren" würde. Vor ein paar Wochen hatten wir darüber gechattet. Er fragte, was Weihnachten passieren wird, und ich meinte: "Naja, Weihnachten wird wohl stattfinden. Die Speicher sind gefüllt, die Leute werden herströmen, meine Wohnung steht jedem Schabernack offen. Wir haben die Technologie. Wir haben die Mittel. Wir können schneller bekifft werden, stärker und besser...."
Aber er winkte gleich ab. Ihr werde das garnicht gefallen. Nicht ein ganzer Raum voller Ghetto-Dandies, die sich in Urban City Code unterhalten. Ich fragte ihn, ob ich vielleicht besser all diese chinesischen Propaganda-Plakatte aus der Kulturrevolution abhängen sollte, die hier überall rumhängen - aber er entgegnete "Bloß nicht!" und "Das wird das einzige sein was sie nur ansatzweise in dem Zimmer halten wird!"
Aber ach, das wird schon klappen. Ich verstehe genug von den Chinesen, um zu wissen, dass sie auch hier sind, um unsere Gewohnheiten zu studieren.

Aber jetzt hat man dem Polen die Show gestohlen.

H. musste leider absagen. Ihr blutrünstiger Job verlangt es, dass sie über Weihnachten arbeitet ("Es ist lustig. Menschen sterben das ganze Jahr über!"). Aber sie hat sich Flugtickets für Januar geordert, und wie es das Schicksal so will (das Schicksal kriegt immer seinen Willen) läuft genau dann Black Swan in Deutschland an, und H. und ich teilen seit jeher einen unergründlichen Natalie Portman-Fetisch.

Gestern, nachdem ich mit dem Kasache dieses sehr klärende und betont erwachsene Gespräch gehalten hatte, das ich für sehr wichtig & historisch erachtete, stellte das Hörnchen mal wieder meinen Verstand in Frage. "Ihr seid vielleicht ein Haufen KKK-Nazis...", schlussfolgerte sie.

Ich sehe die Sache so: Es ist für einen Mann nun einmal nicht ungewöhnlich, von früher Kindheit an eine massive Homophobie anerzogen zu bekommen. Und ich sage dies im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass Kinder sich hauptsächlich gegenseitig erziehen. Irgendwann werden wir älter, und entweder verfestigt sich unsere Intoleranz aus Sandkastentagen, oder sie zerbröckelt Stück für Stück, weil sie nun einmal nicht mit der Realität kompatibel ist.

Ich wage zu behaupten, dass ich einerseits ein recht toleranter Mensch bin, ich mir andererseits aber genau deswegen auch das Recht heraus nehmen darf, mich über jede noch so bemitleidenswerte Randgruppe humoristisch äußern zu dürfen. George Tabori-style. Wenn in jedem Witz eine kleine Katastrophe steckt, steckt dann nicht in jeder Katastrophe ein kleiner Witz?

Der Point meiner langschweifigen und umständlichen Verschachtelung von Handlungsorten und -zeiten, von Gesprächen und Facetten von Meinungen ist schlicht und ergreifend, dass die graue Eminenz sich als Homosexueller geoutet hat. Vor drei Wochen war er ein Abend im Lande, brachte seinen derzeitigen Freund mit, stellte ihn der Familie vor, schrieb mir eine vor-warnende eMail und tauchte dann Abends mit ihm hier auf. Ich bekam tagelang das schiefe Grinsen nicht aus dem Gesicht.
Ich habe mich privat oft dahin gehend geäußert, aber ich wiederhole es gerne öffentlich: Die graue Eminenz ist für mich wie ein kleiner Bruder. Ich kenne keinen Menschen mit dem ich mich lieber unterhalte - niemand sonst kann meinen Gedankengängen so weit folgen und dann noch einen drauf setzen. Der Typ ist crazy. Und kaum denkt man, man wird in diesem Leben nicht mehr überrascht, ist er auf einmal schwul.

The hobbits are such a gay people...

Und ich hatte mich immer gefragt, warum er all diese Chicks abblitzen ließ, bei denen er so gut Chacnen hatte... Ich meine, gut aussehen tut er ja auch nicht gerade.
An dem Abend, an dem er mit seinem Freund hier saß, und ich mich, im totalen Laberflash, mit der Situation zu arrangieren versuchte auf die beste mir bekannte Weise (Drogen, Alkohol, gute Musik und intelligente Gespräche), regte er sich selbst darüber auf, wie locker das alle hinnehmen würden. "Ich rief meine Mutter an, vor ein paar Monaten. Du weißt schon, reinen Tisch machen und so. Aber sie hörte nicht auf, vom Nachbarshund zu erzählen, dass der schon wieder in den Garten geschissen hätte oder sonst so etwas, und irgendwann musste ich ihr einfach ins Wort fallen. Ich sagte: 'Mama, ich bin schwul'." - er zog nochmal an dem Joint, seinem ersten seit Monaten, und schüttelte traurig den Kopf - "Und sie meinte nur, 'Ach, das ist doch nicht schlimm... [Dramatische Pause] jedenfalls, der Nachbarshund...'"
Gelächter brach aus.
Devoid of Drama.
Ich spielte mit offenen Karten: Er würde all die Toleranz und all die Unverkrampftheit der Welt kriegen, diesen einen Abend; aber das wäre nur Schonfrist, sobald ich die Sache verdaut hätte, würde er noch seinen bitteren Hohn und Spott zu hören kriegen.

Und wahrscheinlich hat das Hörnchen recht, und wir sind tief in unseren verstockten Herzen alle nur intolerante und erzkonservative Bayern.
Jedenfalls, ich war der erste aus der alten Clique, dem diese Information anvertraut wurde, und er wollte meinen Rat, wie oder auf welche Art er es den anderen mitteilen sollte. Und seine Hauptsorge galt dem Kasachen. Russen sind auf Schwule nicht so gut zu sprechen, egal wie liberal sie auch sind - es liegt etwas zutiefst pragmatisches und konservatives in der Art, wie ihre Elternhäuser funktionierten.
Und egal wie sehr ich mich für ihn gefreut habe, so sehr spürte ich in den Schwingungen meines eigenen Schocks doch die inhärente Gefahr, die dies für alles bedeuten konnte, was ich versucht habe in den letzten Jahren am Leben zu erhalten. Wenn der Kasache das in den falschen Hals kriegen würde, wäre alles kaputt. Das Problem liegt weit jenseits von Moral oder Sitte oder Sexualität oder Werten. Es berührt die Essenz dessen, wovon so vieles abhängt: Loyalität. Ich gebe zu: Alles was ich über Freundschaft weiß, weiß ich aus Mafia-Filmen. Aber das war nie ein Schaden für mich. Wie viele Freundschaften überleben schon das Abitur?

Also schrieb die graue Eminenz gestern dem Kastachen, erklärte in langen Schachtelsätzen das, wovon niemand jemals gesagt hat, dass es unaussprechlich wäre, und hoffte auf das beste. Und ich rief ihn an & fragte, ob er abends langs kommen & darüber reden wollte.

"Der Junge ist schwul!" insistierte das Hörnchen. "Hör doch endlich auf, das wie eine Katastrophe zu behandeln!" Sie behauptet steif und fest, dass sie die graue Eminenz von Anfang an für einen latenten Homo gehalten habe (nicht ihre Wortwahl).
Aber was solls. Der Kasache war cool damit - und warum sollte er auch nicht? Der Drecksack wählt immerhin die FDP. "Ein jeder Mensch soll nach seiner Fasson glücklich werden," zitierte er.

Völlig unabhängig davon und absolut ungeachtet dessen ist ein bestimmter Effekt einer solchen Wendung allerdings interessant: Sex fühlt sich nach so etwas irgendwie noch besser an.
Vielleicht weil man denkt: "Hihihi, besser er als ich!"

Kommentare:

dom hat gesagt…

hervorragender text. hab viele parallelen gefunden. man denkt über seine freunde nach. inspirierend, regt zum nachsinnen an.

Henrie Schnee hat gesagt…

Dankeschön.

Anonym hat gesagt…

Ja, das stimmt, dom.
Wunderschön sinniert. "Wieviele Freundschaften überleben schon das Abitur?"- Viel zu wenige, Henrie- keine von meinen.

Frohe Weihnachten.

DerStalker

dom hat gesagt…

deadly premonition

http://www.youtube.com/watch?v=P4XUKANtg80