12.02.11

Von Gott über Kain zu Facebook

Masseltov, Ägypten!
Die Welt ist stolz auf euch. Ihr habt etwas geschafft, wovon die Welt schon wieder vergessen hatte, dass es möglich ist.
Der Traum von Revolution... der Wunsch, den jede neue Generation in ihren Genen trägt, und der, wenn er unerfüllt geblieben ist, stets zum Alptraum des Konformismus geführt hat...
Was für ein Anblick: Eine der kostspieligsten Militärdiktaturen des nahen Ostens, hinweggerafft von wütenden - aber friedlichen - Zivilisten. Twitter & Facebook erstmals im Einsatz als "Weapons of Mass Protest". Deutsche Blogger, die sagen "fuck it", sich Flugtickets kaufen, da runter fliegen und die Arbeit leisten, die unsere am Tropf der GEZ hängenden Staatsmedien zu feige waren, selbst zu erledigen.
Die erste sich intelligent verhaltende Armee seit Menschengedenken.

Wir, im Westen und Norden, führten derweil die Schlacht um die Deutungshoheit: Das offensichtliche, dass hier sich "nur" ein Volk durch das symbolische Opfer einzelner Männer, die sich vor Regierungsgebäuden mit Benzin übergoßen und sich selbst in Brand setzten, so hat inspirieren lassen, dass es 30 Jahre der Angst und der Unterdrückung einfach so vergessen konnte in Erwartung einer politischen Erlösung... bitte! DAS können wir ja wohl kaum so in die Geschichtsbücher schreiben.

Die intelligentesten Äußerungen, die ich bis heute zu diesem Thema gehört habe drehten sich um einen simpelen Faktor: Lebensmittelpreise. Das Argument beruht darauf, dass in nahezu allen Dritte Welt- und Schwellenländern die Preise für Lebensmittel seit dem Höhepunkt der Finanzkrise völlig außer Kontrolle geraten sind, da die amerikanische Zentralbank die Märkte mit niedrigen Zinsen und frisch gedruckten Dollars flutet - und wenn der Dollarwert sinkt, steigen die Nahrungsmittelpreise der Länder, die ihre Lebensmittel gegen Dollars importieren müssen. Steigende Preise bedeutet leere Mägen, leere Mägen bedeuten revolutionären Frust und eine gesteigerte Risikobereitschaft - nicht umsonst sagt man ja "es rumort in [Ländername]". Das ist das Knurren von Bäuchen.

Vielleicht hatte Mubarak ja wirklich 30 Jahre lang gute Politik betrieben, zumindest keine Politik die so schlecht gewesen wäre, dass seine Landsleute dagegen auf die Straßen gegangen wären.
Was ihm das Genick brach hatte diese arme Sau vielleicht also garnicht mal selbst verschuldet...

Eine andere Theorie, wie sie gerade unter nordafrikanischen Despoten die Runde macht - und auch im Westen arrogant und herablassend rezipiert wird - ist da bereits deutlich düsterer: Was, so sagen sie, wenn Ägypten, genauso wie Tunesien und vergangenes Jahr der Iran Opfer ausländischer "Einflüsse" geworden ist... schleichende Internetpropaganda, getwitterte Slogans, aufstachelnde Videos, lanciert von irgendeiner schattenhaften Macht, die sowohl das kulturelle Verständnis als auch die technische Kompetenz besitzt, das Megamedium Internet zu manipulieren. Hierzulande wird so ein Gespräch natürlich als puren paranoiden Wahn abgetan, als etwas was ein Muammar al-Gaddafi sagen würde, um seinen dekadenten Arsch aus der Schusslinie zu ziehen.
Aber dennoch fasziniert die Vorstellung... und glaubt mir, ich beobachte seit einem halben Jahrzehnt die Umwälzung unserer Medienlandschaft, "die Umverteilung der Informationsgüter", das Verwachsen von Realität und Internet... und so wirklich unplausibel kommt es mir nicht mehr vor. Ich argumentiere mit dem antropomorphen Prinzip: Wenn wir uns schon fragen können, ob Es möglich ist, dann müssen wir uns ja auch in einer Situation befinden, in der Es möglich wäre. Oder andersrum: Wofür geben wir unseren Geheimdiensten all diese Milliarden, wenn sie nicht von selbst auf solche Ideen kommen können?


Die beißende Frage ist jedoch: Selbst wenn dies drei Länder "Opfer" von fremdgeplanten Revolutionen wurden, wer hätte dann die Fäden ziehen können? Im Falle des Irans war es noch plausibel, dass die CIA nach 9 frustrierenden Jahren, in der all ihr Einfluss nicht reichen konnte die Welt zum Krieg gegen dieses kleine Land aufzustacheln, einfach den roten Meme-Knopf gedrückt hat... und eine Meute von revolutionären LoLcatz auf Persien gehetzt hat.
Denn die CIA hat sehr wohl private Interessen im Iran... sie wollen den "heiligen Gral" der amerikanischen Nahost-Politik: eine Landbrücke zwischen Arabien und Asien. Ich halte es für absolut logisch, dass es von Anfang an der Plan der Bush-Regierung, alle drei Länder zu annektieren: Afghanistan aus moralischen, Irak aus persönlichen und den Iran aus strategischen Gründen. Aber die Siege blieben wertlos, so lange das Set nicht vollständig war...

Aber trotzdem, ernsthaft, könnt ihr euch vorstellen, dass die US of ciA so einen Stunt bringen könnte? Es ist eindeutig, dass sie zumindest passive Kontrolle über Facebook, Google, Paypal und Konsorten haben: Was auch immer du dort tust, Langley weiß bescheid. Und wiederum hat das nicht mit Paranoia zu tun, sondern mit dem bereits genannten Prinzip: Was für ein Geheimdienst würden die denn bitte darstellen, wenn sie es nicht täten? Gottverdammt, in Deutschland hat die normale Polizei schon Zugang auf deine Skype-Gespräche, wenn du ihnen denn Gründe lieferst. Du gottverdammter Terrorist. Bleib fern von dieser Seite! Lösche deine History, formatiere deine Festplatte & vergiss, dass du je von Henrie Schnee gehört hast.

Aber passive Kontrolle bedeutet, dass man Daten abgreifen, Individuen verfolgen kann, ideologische Brandherde frühzeitig entdecken und nationale Zensur betreiben kann. Zum Beispiel muss Google in Deutschland gewisse Suchergebnisse zum Nationalsozialismus oder zu verbotenen Sexualpraktiken  unterschlagen; und wenn du gewisse (geheime) Suchbegriffe eingibst, die im Moment auf der schwarzen Liste stehen, dann muss Google deine IP-Adresse an die zuständigen Organe melden.
Wie ein Immunsystem.
Skype ist genauso unsicher, seit letztem Jahr wissen wir, dass der Staat auch diese technische Hürde genommen hat. Und so lange die Gerichte immer noch so tuen, als wäre das Internet - juristisch gesehen - so etwas wie ein "Print-Radio" können wir auch lange darauf warten, dass der Staat seine Fühler wieder aus diesem privatesten aller Medien zurückzieht. Für das Bürgerrecht, dass niemand deine Post öffnen darf sind vor 22 Jahren auch eine Menge Leute auf die Straße gegangen. Seeeehr viele Leute.

Worauf ich hinaus will ist folgende Sichtweise: Das Internet ist ein SYSTEM, in dem von BENUTZERN erstellte INHALTE gehandhabt werden.
Das SYSTEM verbessert sich evolutionär, in dem es immer besser darin wird, die komplizierten und chaotischen Verhaltensweisen seiner BENUTZER zu antizipieren & zu simulieren - mit mathematischer Präzision. Das SYSTEM ist an sich ist dabei neutral, kalt, unbelebt.
Die BENUTZER bringen den menschlichen Faktor ins Spiel, und der ist, wie ich mir hab sagen lassen, unberechenbar, chaotisch, manchmal erbärmlich, manchmal nobel. Der BENUTZER erwartet vom SYSTEM, dass es funktioniert. Nicht umsonst lieben wir Deutschen das Wort "Datenautobahn".
Der INHALT bringt die Geschmacksrichtungen. Das System ist neutral, bis es mit Inhalten gefüllt wird. Stell dir einen weißen leeren Raum vor - und dann bemal die Wände, leg einen Teppich auf den Boden und kauf ein paar Möbel. Das sind die Inhalte. Sie sind das, was das System gut oder böse machen, selten oder mondän, gut für den Staat oder zensurwürdig.

Stell es dir so vor: Benutzer sind die Knotenpunkte, das System ist das Netz aus Linien, das diese Punkte verbindet, und die Inhalte sind die Dateien, die zwischen den Benutzern wandern.

Das Zauberwort hier heißt Meme. Gemäß dieser Sicht der Dinge sind Inhalte keine große graue Masse, sondern eine Art von Schlachtfeld, auf dem jeden Tag tausende neue Ideen und Informationsschnipsel um unsere Aufmerksamkeit kämpfen.
Jeden Tag schreiben Millionen unbekannter Bands Millionen von Songs, mit denen sie reich und berühmt werden wollen. Derzeit werden PRO MINUTE auf Youtube 24 Stunden an Videomaterial hochgeladen - rechnet hoch! Hunderttausende von Verlierern wie ich bloggen zu jeder Minute des Tages, weil wir Junkies nach euerer Aufmerksamkeit sind. Opfer unseres Sendungsbewusstsein.

Die Meme-Theorie besagt nun, dass wir jedes "kulturelle Individuum", beispielsweise ein Video von einem niesenden Eisbären oder die Aufnahmen vom Fall der Berliner Mauer wie eine Art Virus betrachten müssen: Ist es erfolgreich, dann "pflanzt es sich fort", und die Bilder gehen um die Welt, wie man so schön sagt. Das konstante Überangebot an Medien sorgt, wie in jedem guten evolutionären System dafür, dass die Hürden entsprechend hoch sind. Gebt es zu, wir sind heute schwer zu beeindrucken, und auch wenn wir uns gestern noch für Ägypten gefreut haben, heute, nach zwei Tassen Kaffee und einmal ordentlich abhusten ist es uns schon wieder ein Stück weit scheißegal geworden.
Sei ehrlich.

Zum Verständnis hier mal Beispiele von extrem erfolgreichen Memes, die alle mit Bedeutung aufgeladen sind und somit einen "strategischen Wert" besitzen würden, um eine Bevölkerung zu kontrollieren, einzuschüchtern oder aufzuhetzen:




Manchmal, wenn ich keine Lust verspüre, mich als Literaturwissenschaftler auszugeben, sage ich mit beiläufigem Tonfall, mein Beruf sei Memetiker. Die Leute stellen keine Fragen. Und abgesehen davon kommt es dem, womit ich mich professionell befasse, sowieso weitaus näher.
Ihr müsst nämlich wissen, wir Literaturwissenschaftler waren clever. Wir haben früh (und doch zu spät...) erkannt, dass die Kultur nicht am hinteren Deckel eines Buchs aufhört. Wir stehen seit jeher in regem Austausch mit Jeder Denkbaren Form Der Kulturwissenschaft. Wir sehen die selben Mechanismen in Gemälden wie in Comics, wir vergleichen die Formen von Literatur mit den Genres des Films, und einige der Rockstars unserer Disziplin stellen schon seit Jahren verdammt gute Überlegungen zur Narrativität von Videospielen an.

Das Meme ist das Gen einer Kultur. Und jedes einzelne MEME kann in sich verschiedene Qualitäten vereinen. Das McDonalds-M löst in uns Hunger und Antiamerikanismus aus. Ein Bild von einer gekreuzigten Figur löst unsere Sehnsucht nach Erlösung und den Altruismus anderer aus. Eine gute Autoreklame sollte die nötigen Qualitäten aufweisen, um in dir die Knöpfe für "Freiheit", "sexuelle Potenz" und "Erfolg" zu drücken.

Und es gibt den memetischen Fingerabdruck, ohne Scherz: Kennst du den "Gefällt mir"-Button bei Facebook? Was glaubst du, wie viele Hans Müller es in diesem Land gibt - aber jeder einzelne von denen hat eine absolut einmalign memetischen Fingerabdruck, basierend auf seinen eigenen Präferenzen. Und je öfter du "Gefällt mir" klickst, umso präziser wird dieses individuelle Profil, nach dem das System derzeit etwa entscheidet, welche Werbung dir präsentiert werden soll.

Zurück zu dem Gedanken mit dem Immunsystem: Angenommen, man könnte das System (das ja auf mathematischen, logischen und mechanischen Prozessen beruht) so flexibel und komplex konfigurieren, damit es mit Inhalten (die assoziativ, "weich" und emotional sind) wahrlich intelligent umgehen könnte - dann würden wir alle tief in der Scheiße sitzen. Dann hätte Gadaffi vielleicht recht, und die heldenhaften Revolutionäre wären nur unwissende Marionetten eines Technikers, der am anderen Ende der Welt Befehle in ein Terminal eingibt.
Seine Thesen zwingen uns also eine Frage auf: Kontrollieren wir Benutzer die Inhalte oder kontrolliert sie das System?

Ein anderes Beispiel:


Wenn du im selben Land lebst wie ich wirst du dir dieses Video nicht anschauen können. In manchen Nächten fühle ich mich, als wäre die Hälfte des Internets wegen eines Copyright-Verstoßes in meinem Land nicht mehr zugänglich - zumindest die Hälfte des Internets, das ich nachts frequentiere.
Als ich noch jung war habe ich immer davon geträumt, dass das Internet eines Tages als so etwas wie internationale Gewässer angesehen werden würde, wo man sich zwar auf Konventionen und Grundregeln verständigt habe, man aber ansonsten sein eigener gottverdammter Herr sein konnte.
Wie naiv von mir.
Diese gesamte Debatte um den Sinn von Eigentumsrechten an virtuellen Gütern könnte mal von paar militanten Memetikern profitieren...

Aber ihr seht, was ich meine: Die Kontrolle unserer Inhalte ist keine hypothetische Problematik, und sie ist er recht keine, die nur nordafrikanische Diktatoren verrückt machen sollte. Sie wird bereits praktiziert. Wir haben "Ausnahmen in unserer Freiheit eingeräumt", zum Schutz von Urheberrechten. Dann zum Schutz der Jugend. Dann zum Schutz vor Terror. Dann zum Schutz vor Nazis. Das deutsche Internet bewahrt uns heute vor Zigarettenwerbung, Glücksspiel, Islamisten... oh, ja, und vor funktionierenden Livestreams der Fußball-WM.

Kurzum: Wir sitzen auf einem verdammt hohen Ross. Wie in jeder Demokratie eben. Wir tuen so, als wären wir alle so frei, wie unsere Hymnen es uns vorsagen, und in einem gewissen Sinne haben wir die Diktatur nur in andere Länder exportiert. Weitere Gesetzgebung wird folgen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Japp- gibt zu denken.
Gibt Gugel wirklich die IPs weiter?
Gerade DAS müsste doch aufgrund, der hohen datenschutzrechtlichen Hürden der BRD verboten sein..

DerStalker

Sigmund Marx hat gesagt…

Google speichert und archiviert sämtliche Suchanfragen von GoogleMail-Nutzern.

Wie es aussieht, muss jegliche Form von Freude früher oder später mit Leid bezahlt werden.