08.10.11

Steve Jobs (1955-2011)

Dieser Mittwoch begann mit dem selben Prozedere wie jeder beliebige andere Morgen: Ich erwachte, setzte mich im Bett auf, tatschte verschlafen auf dem Trackpad meines MacBooks herum, bis es auch aus seinem Schlaf erwachte, öffnete den Browser, klickte in die Adressleiste, gab "S" ein - der Browser ergänzt das "piegel.de" mittlerweile automatisch - und betätigte die Eingabe-Taste.

Steve Jobs war gestorben.

Großer Gott... wieder einer von diesen Träumen? Hatte ich etwa noch nicht all das Psilocybin vom Wochenende abgebaut? Ich ging mir eine Tasse Kaffee kochen, kleiner Realitätscheck, doch die Startseite hatte sich nicht verändert. 
Ich ging auf apple.com. Bestätigung.



Die Sache ist nämlich die: Steve Jobs ist seit Jahren schwer krebskrank, und bereits 2008 hatten Betrüger einmal eine gefakte Todesmeldung über ihn in Umlauf gebracht, nur um dann an dem kalkulierten Kurssturz der Apple-Aktie Reibach zu machen.
Zumal Montag das iPhone 4S ("For Steve"?) vorgestellt wurde... wie wahrscheinlich ist es, dass diese zwei Ereignisse auf natürliche Weise so kurz hintereinander fallen? 

Als Apple-Benutzer wusste ich sofort, was nun auf mich zukommen würde: Auf Facebook, auf der Arbeit, beim Frühstück und beim Abendbrot... ein jeder würde mich darauf ansprechen, als hätte ich einen entfernten Verwandten verloren. Mit einem hämischen Tonfall, als hätte mein Team gerade einen Punkt verspielt. Ich gehöre, nach wie vor, ins Apple-Lager.

Und jetzt hat sie begonnen, die Schlacht um die Deutungshoheit. Die Kunst des guten Nachworts ist eine besondere, aber auch etwas anrüchige. Jede etablierte Redaktion hält sich dafür eine eigene Abteilung - oder auch nur einen einzelnen Autor - dessen einzige Aufgabe darin besteht, über jeden nur denkbaren lebenden Prominenten stets einen aktuellen Nachruf bereit zu halten. Sollte die Person dann tatsächlich sterben, werden einfach noch die genauen Umstände in der Einleitung eingefügt & die letzten paar Errungenschaft an den Schluss geklatscht.
Vielleicht sollte ich das auch mal machen... Nachrufe über lebende Menschen schreiben, Politiker, Intellektuelle, Künstler... lauter Leute, deren Tod mir nutzen würde... und diese Texte dann einfach auf Blogger.com reifen zu lassen, als unveröffentlichte Entwürfe.
Wie lange, bis ein Blogger mit solchen Machenschaften die Neugierde des BKA weckt?

Nein, unsere Zunft muss entweder aus dem Stehgreif agieren oder überhaupt nicht.

Doch niemand schien einen Nachruf für Steve Jobs parat zu haben. Die Seite Cult of Mac hat es vielleicht am besten formuliert: "Er war uns zu nahe, zu sehr wie eine Vaterfigur. Wir haben über die Jahre ein Dutzend mal damit angefangen [einen Nachruf zu schreiben], aber etwas hat uns immer davon abgehalten: Respekt, Liebe, ein geheimer Glaube, dass so eine Persönlichkeit wie Jobs niemals wirklich sterben könnte."

Nicht einmal das kritische deutsche Journalistenpack konnte schnell genug reagieren. Alles, was die Redaktionen parat hatten, waren die vorformulierten Standardmeldungen über Apple: Kultismus, lächerlich übertriebene Produktlaunches, Selbstmorde bei FoxComm, dem berüchtigten chinesischen Zuliefererbetrieb. Worauf sollte man einen wie Jobs auch reduzieren? Selbst zu Lebzeiten war die Deutung vom "wohlwollenden Diktator" recht populär, eine Stunde nach dem Tod war sie fest zementiert. 
Ich fand das geschmacklos. Und nicht sonderlich objektiv. Die objektive Wahrheit ist, dass wir über Steve Jobs einen Scheißdreck wussten, weil er niemals ein privates Wort in eine Kamera sprach. Dieser Mann war die Verkörperung von Apple Inc., einer Firma, deren Name selbst für professionelle Geheimhaltung und eisernes Schweigen steht. Wenn wir eine neue Folge der Steve Jobs-Show zu sehen bekamen, dann bei einem Apple-Event: Dem Launch eines neuen Produkts, die Keynotes von Developer-Konferenzen, obskure Infomercials aus den 80ern, die irgendjemand auf YouTube hochgeladen hatte.

Ich hatte mich vor einigen Jahren relativ gut in die Steve Jobs-Materie eingelesen. Damals hatte ich meinen ersten Mac gerade ein paar Monate & wollte mich tiefer mit der Geschichte dahinter auseinandersetzen. Und es schien wirklich so, dass Jobs nur den Mund aufmachte, wenn er es zu seinen Bedingungen machen konnte - was einem Journalisten nicht viel Material zum Arbeiten gibt. Das einzige Beispiel einer relativ "normalen" Konversation, die dieser Mann vor laufenden Kameras gehalten hat, wäre die fast zweistündigen Podiumsdiskussion, die er auf der All Things Digital Messe 2007 mit Walt Mossberg und Bill Gates führte - und dort findet man sie, die kleinen Momente, wenn der Ultra-Guru kein vorbereitetes Skript hat & fast so etwas wie Verlegenheit verspüren muss.

Aber das machte diesen dürren Scheißkerl in seiner Hipster-Uniform ja auch so liebenswert. Steve Jobs mag ein Erfinder gewesen sein, ein Prophet, Visionär und Tyrann, aber primär war er ein Verkäufer. Die Industrie hatte sogar ein Wort für dieses unheimliche Talent: Das "Reality Distortion Field", ein sagenhaftes Kraftfeld, das er ausstrahle & dass die Wirklichkeit selbst verzerren würde. Jobs konnte einem 10 Minuten von einem neuen Laptop mit passablen Werten erzählen, der gegenüber seinem Vorgängermodell sogar an Funktionalität verloren hatte, und wenn er damit fertig war - "gorgeous... beautiful... awesome... and more!" - war man bereit, alles für dieses Gerät zu bezahlen.

Ich weiß, wovon ich rede. Ende 2008 ging mein alter HP Desktop-PC zum vierten oder fünften Mal in drei Jahren kaputt. Alleine die Vorstellung, meine letzten Ersparnisse für noch so eine Trauerkrücke auszugeben, die mit Windows Vista vorinstalliert käme, raubte mir den Schlaf. Und ich fing an, mir meinen iPod, den ich damals neu hatte, genauer anzuschauen... wenn eine Firma einen so überlegenen Musikplayer bauen kann, was für eine Art von PC stellt sie dann her?
Ich fing an, mich mit dem Laptop-Gedanken anzufreunden, und von dort war es dann nur noch ein Katzensprung auf die Apple-Webseite. Dort kursierte gerade das Video des aktuellen Produktlaunches - die neuen MacBooks mit Aluminium-Unibody, vorinstalliert mit Mac OS X Leopard. 

Ich schaute mir das Video drei oder vier mal an. Und ich verstand, dass man nicht zwingend Drogen benötigt, um Reality Distortion zu erleben. Der entscheidende Schubs kam jedoch aus der echten Welt: Eines Nachts fand ich mich auf einer ruchlosen Studentenparty auf einer der Couchen im Kifferzimmer wieder, in absoluter Laberstimmung, und kam mit einem angehenden Designer ins Gespräch über meine Kaufabsichten. Er hatte unschlagbare Argumente. Einige Wochen später kratzte ich meine letzten 500 Euro zusammen, marschierte in einen MediaMarkt & kaufte mir meinen ersten Apple-Rechner, das Unibody-MacBook mit erweitertem RAM. 500 Euro Anzahlung, 700 Euro Nullprozent-Finanzierung über 10 Monate.

"Give it up and get a Mac" - das ist seitdem meine Default-Antwort auf alle technischen Klagen, die in meinem Freundeskreis kursieren. Macs haben grausame Vorzüge: Sie stürzen einfach nicht ab, und wenn sie es tuen, ist es geradezu unverschämt einfach, von Backups aus wiederherzustellen. Sie sind sehr sicher, da es kaum Viren für sie gibt, und wenn Sicherheitslücken auftauchen, werden sie binnen Tagen geschlossen, nicht binnen Jahren. Die Betriebssysteme - egal ob Leopard, Snow Leopard oder nun Lion - sind ihrer Konkurrenz um Jahre voraus. Die Integration der Apple-Ökosphäre (Macs, iPods, iPhones, iPads, AppleTV, FaceTime, iTunes, AirView, App-Store) untereinander ist so leicht, wie wir es nur aus Science Fiction-Filmen kennen.

Doch Apple hat auch Nachteile: Sobald man mit ihren Produkten in der Öffentlichkeit gesehen wird, hat man sämtliche Street Credebility verspielt. In den USA mag das ganze noch den klassischen Nerd-Charakter der 80er haben: Windows VS. Mac, oder heutzutage eher Android VS. iOs. Doch in Deutschland bist du unten durch, wenn du auch nur mit einem Mac gesehen wirst: Es hat lange genug gedauert, bis der PC hier Fuß fassen konnte, und jetzt kommst du mit einer Alternative? Bist du überhaupt kompatibel mit uns?

Zumal Hipster wirklich auf Apple stehen. Das ist das große Image-Problem, mit dem dieser Konzern sich im kommenden Jahrzehnt auseinandersetzen muss, diese Woge aus Kotzbrocken und Angebern, Lacoste-Trägern und Hipster-Hitlers, mit denen die Marke derzeit untrennbar assoziiert wird.
So gesehen war mir Apple immer suspekt. Ich habe eine fast schon legendäre Aversion gegen Labels und Trends - was mittlerweile so weit geführt hat, dass ich mir meine Klamotten nur noch aus Militär-Katalogen bestelle. Ich war der letzte Mensch in diesem Land, der kein Handy besaß, der immer eine Reserve aus 50 Cent-Stücken mit sich rum trug, um seine Leute von versifften Telefonzellen aus kontaktieren zu können. "Wenn ich aus dem Haus gehe, will ich nicht mehr erreicht werden. Welchen anderen Sinn hätte es sonst, das Haus überhaupt zu verlassen?"

Doch der Zustand wurde zunehmend untragbar. Ich wollte totale Mobilität, und ich bin, nach wie vor, ein Internetjunkie. Ich stehe auf Konzepte wie Infrastruktur und Logistik, und ich habe ein natürliches Gespür für Netzwerk-Mentalität. Twitter, Facebook, eine Webcam... das alles ist lustig, zu hause & am Arbeitsplatz. Aber wie lustig wären diese Tools, wenn ich sie jederzeit dabei hätte? Google Maps? Ein Mail-Programm? Ein Handy, auf dem ich gratis skypen kann?
Vom iPod zum Mac zum iPhone in etwas mehr als zwei Jahren. 

Steve Jobs war Apple im selben Sinn, in dem Trent Reznor Nine Inch Nails ist. Beide brauchen eine große Zahl unsichtbarer Genies im Hintergrund, doch sie lieferten das crucial incredient. Doch die genauen Ausmaße dieser Vision werden wir jetzt, nach Jobs Tod, niemals erfahren. Und darin liegt die wahre Tragödie, und es wurmt mich, wie wenig auf diesen Aspekt eingegangen wird. Als Jobs vor gerade mal sechs Wochen bekannt gab, dass er seinen Posten als CEO aus Gesundheitsgründen nun vollends räumen & seinem Lieutenant, Tim Cook, das Ruder überlassen würde, gönnte ich ihm das absolut. Ich freute mich auf den Post-Apple Steve Jobs, der offener plaudern kann, ohne gleich die Aktienkurse der halben westlichen Welt in Wogen zu versetzen. Der vielleicht ein Buch schreibt. 
Ich hielt es im aktuellen politischen Weltklima für absolut realistisch, Steve Jobs als Präsident der Vereinigten Staaten kandidieren zu sehen, womöglich sogar für eine dritte Partei. 

Es fällt schwer, sich die Geschichte des Industriellen Revolution anzusehen und einen zweiten Namen zu finden, mit dem man Jobs vergleichen könnte. Thomas Addison wurde genant, aber das passt nicht richtig: Addison war vielleicht auch ein geldgeiler Gauner, aber er war primär Erfinder im praktischen Sinne. Der Henry Ford-Vergleich hinkt auch: Ford revolutionierte das Prinzip der Produktion & wurde von seinen Arbeitern wie ein Halbgott verehrt, doch seine Philosophie nutzte vor allem der Wirtschaft. Jobs Platz in der Geschichte der Dinge wird der des Schutzheiligen aller Konsumenten sein. Er war derjenige, der Design - im Dieter Rahms-Sinne - über alles andere stellte, dich gefolgt von der Frage: Was würde der Kunde wollen, wenn wir es ihm denn geben würden? Die klassische Sicht der Dinge, dass man zu einem bestehenden Produkt nur noch ein neues Feature dranklatschen muss, um eine neue Version zu erhalten, widerte ihn an. 
"Wenn die Leute wüssten, was sie wollten, dann hätten wir heute kein Auto. Dann hätten wir ein schnelleres Pferd!"

Und jetzt ist er tot & nimmt die finale Analyse seines Werks mit ins Grab. Eine ganze Generation von Designern wird nun heranwachsen, die nur wird spekulieren können. Apple hat den Anstoß geliefert für die Verwirklichung einer Menge Dinge, die uns die Science Fiction-Filme unserer Jugend versprochen haben, und nicht nur Apple wird nun in Zugzwang geraten, diese Versprechen zu erfüllen. Wir haben noch die anderen Superstars der Szene, Mark Zuckerberg, Larry Page & Sergei Brim, Bill Gates... doch niemanden mehr mit vergleichbaren Rockstar-Dimensionen.

Ich würde nicht soweit gehen, Steve Jobs als eines meiner Idole aufzuzählen. Dafür konnte ich zu gut durch die Bullshit-Fassade blicken & zu deutlich erkennen, dass Profit sein ultimativer Anreiz war. Doch der Unternehmer in mir respektierte ihn. Apple-Produkte sind überteuert, zugegeben, aber als Käufer entwickelt man schnell die servile Überzeugung, dass dieser Premium-Zuschlag hoffentlich dafür verwendet wird, die nächste große iTechnologie zu refinanzieren.
Und ich respektiere ihn für seinen Werdegang. Adoptierter Sohn einer Arbeiterfamilie, abgebrochenes College & ein Temperament wie Klaus Kinski - diese Faktoren begünstigen in unserer Welt normalerweise keinen Erfolg. 

Eines seiner besten Zitate, die mir spontan einfallen, war das, wonach er "alles im Leben entweder  gemäß eines Bob Dylan- oder eines Beatles-Song betrachte", und ich verstand sofort. Gute Nachrufe haben keinen passenden Schluss. Man kann das Leben eines Giganten nicht stilvoll zu Ende bringen, nicht einmal in Print. 
Also versuchen wir es mit Musik.

Here’s to the crazy one. The misfit. The rebel. The troublemaker. The round peg in the square hole.





[Dieser Artikel erschien knapp eine Stunde später auch auf DerFreitag]

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

RIF

DerStalker