27.12.11

grow-Artikel: Okkupieren wir diese Welt? [Bonus-Material]

Der folgende Post ist ein kleines Making Of des Artikels "Okkupieren wir diese Welt?", den ihr in der Januar/Februar-Ausgabe des grow-Magazin abgedruckt findet. Die grow! kriegt ihr für 3 Euro an jedem besser sortierten Bahnhofskiosk, in dem auch meine Klientel verkehrt. Also, kauft das Heft & sichert mir meinen Lebensunterhalt!

Ich hielt Meinungen schon immer für wertlos, so lange nicht nachvollzogen werden kann, wie sie entstanden sind. Und dafür braucht eine Meinung eine Geschichte, so wie eine These eine Argumentation benötigt. 
"Klar hast du in diesem Land Meinungsfreiheit," sagte mein Mechaniker mir einmal mit bedeutungsschwangerem Tonfall, "aber das heißt nicht, dass du auch nach ihr Leben darfst!" 
Aber das tue ich, weitesgehend, und ich achte stark darauf, wie meine Meinungen zustande kommen. Oft ist es reine Negation - ich höre die Meinung von einem Vollidioten & weiß zumindest schon mal, was ich nicht glauben soll. Oder ich scanne unsere mediale Öffentlichkeit, versuche herauszufinden, was die Agenda sein soll, die die Chefredakteure dieses Landes pushen wollen, und stelle mich einfach quer.

Mein konkretes Problem war, dass ich bis dato keinen einzigen guten Artikel über die Occupy-Bewegung gelesen hatte, die "99 Percent", die Anonymous-Zellen. Alles, was man im bezahlten Journalismus darüber findet ist entweder ein vergnügtes Von-oben-herab oder irgendein Ringen mit politischen Definitionen. Ihr wisst, was ich meine: Die Art von Journalismus, bei der das Wort "dürfen" bereits im ersten Satz vorkommt, wenn nicht gar in der Überschrift.

Unsere Talkshows benutzen dieses Wort gerne, um ihre Leitfrage zu definieren, und darum will sie keiner mehr kucken. Demokratie war niemals gedacht als ein geeignetes Mittel um herauszufinden, was man darf und was nicht. Demokratie sollte alles erlauben - und jenes Verhalten fördern, dass der Gesellschaft am Zuträglichsten ist.
So wie mein Verhalten. Letztens kuckte ich mit dem Kasachen "Der ewige Jude", aus rein wissenschaftlichen Gründen, und weil mir der Film beim ersten Anlauf so zuwider war, dass ich für den zweiten Anlauf Gesellschaft brauchte, um es hinter mich bringen zu können. 

Der Kasache & ich haben diesen lange schwelenden Running Gag über Gras im Dritten Reich: Wir Kiffer hätten das nie überlebt. "Wie willst du ein ernstes Gesicht bewahren, wenn neben dir einer festgenommen wird, nur weil er Jude ist," kicherte der Kasache mal, und ich spielte den Moment nach, theatralisch den Rauch & das Lachen zurückhaltend.
Versetz dich in das Szenario: Du hast den Kopf voll THC, lebst in einem dadaistischen Kubus, musst den ganzen Tag zwischen Karriere-NSDAPlern rumlungern, und dauernd appelliert die Realität an deinen Sinn für absurden Humor. Jedes "Heil Hitler" könnte den Lachflash auslösen, den du schon sooo lange unterdrückst...
So auch beim "Ewigen Juden". Der Film ist so konsequent dumm (auf eine irgendwie intelligente Weise), dass du einfach darüber reden musst, schon während du ihn kuckst, sonst wirst du meschugge. Und als gegen Ende dann Harry Giese, der Sprecher, in einer Auflistung zersetzerischer jüdischer Parasiten auch "den Relativitätsjuden Albert Einstein" nannte, "der seinen Hass auf Deutschland hinter einer paradoxen Pseudowissenschaft versteckte," brach der Kasache - deutscher Ingenieur des 21. Jahrhunderts - vor Lachen zusammen. "Oh Mann," rief er, "wir wären im 3. Reich ERSCHOSSEN worden, wenn wir im Kino so gelabert hätten!"
Ihr seht, man kann zu allem eine Meinung entwickeln, with a little help from his friends, ohne gleich in die Fallstricke politischer Korrektheit zu geraten. 

Anonymous - und dessen LARP-Version, Occupy - liegen genau auf meiner Wellenlänge. Das sind meine Leute... oder sagen wir so, ich wäre einer von ihnen, wenn ich nicht nach der allerersten Stunde den Informatikkurs meiner Schule wieder geschmissen hätte. "Jeder, der glaubt, dass dieser Kurs interessant oder spannend werden wird, soll bitte gehen," meinte der Lehrer, und ich hatte eh Lust auf eine Kippe.
Also blieb ich interessierter Laie, überließ anderen die HTML-Drecksarbeit und konzentrierte mich voll & ganz auf meine Spezialität: Die Inhalte. Eine Webseite ist wie eine Waffe, und ich stelle Munition her: Platzpatronen, Gummigeschosse, Streugeschosse, Dumm-Dumms, panzerbrechend, Full Metal Jacket. 

Anonymous ist eine philosophisch hochinteressante Bewegung, und in dem Artikel gehe ich groß darauf ein, welche ganz speziellen Sehnsüchte sie in meiner Generation zu erfüllen scheint. Vielleicht sind das nur meine Sehnsüchte, die ich - Pete Townsend-style - auf den Rest von euch projiziere... wer weiß? Der Punkt ist: Ich erkenne die Gefährlichkeit hinter dieser Bewegung, aber gestehe ihr auch ihre Notwendigkeit zu. 



Wenn ihr euch, begleitend zu dem Artikel, etwas tiefer in die Materie einwühlen wollt, dann folgt mal diesen Links:

Anonymous

99 Percent

Occupy

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Berlin Berlin...kenn ick noch ;)

DerStalker