26.12.11

Wir müssen uns an Sterne krallen damit wir nicht vom Himmel fallen

Ich bin übel verkatert, daher hoffe ich, dass etwas so Vertrautes und Gewohntes, wie in dieses elende Texteingabefeld einzuhacken meinem kaputten Verstand die Momente der Ruhe gönnt, nach denen er sich all diese Tage gesehnt hatte. 
Manchmal kriegen wir nicht, was wir uns zu Weihnachten wünschen.

Und manchmal setzen wir uns an Heiligabend hin, bereits nachmittags, und schreiben lange, eigentlich gut gemeinte Weihnachts-Botschaften für unsere Blogs, nur um dann im letzten Moment zu realisieren, was für eine von Selbsthass zerfressene, schizophrene Suizidal-Scheiße man da wieder produziert hat; was für eine weitere mächtige Waffe im ewigen Kampf gegen die eigene Zufriedenheit. Also, zurück ans Reißbrett.

Hihihi, mit all diesen unveröffentlichten Texten muss ich mal was anstellen. Einen Brief an Gott schreiben oder so. Der Drecksack schuldet mir noch etwas, denn ich hab dieses Jahr massiv für seine Agenda getrommelt, habe von Nächstenliebe geredet & vom Paradies auf Erden. Ich hab mir sogar die gesammelten Werke von William Blake besorgt - und das nicht als Wichsvorlage! - hatte aber noch sowas von gar keine Zeit, mich eingehend damit zu beschäftigen.
Wie mit all diesen Sachen, die sich um mich herum stapeln. Meine Super Nintendo-Spiele. Ayn Rands "Atlas Shrugged". Die Belegexemplare des grow!-Magazins. Die wissenschaftlichen Standardwerken, die ich mir in den Monaten Oktober und November kiloweise nach hause geschleppt habe, bis mein Rücken ein Trümmerfeld war.
Gott sollte zu schätzen lernen, was ich hier für ihn tue, wenn es sonst schon niemand tut. Ich bau hier etwas völlig neues!

"Operation: La Vita Nuova" läuft dabei im Hintergrund weiter, aber momentan auf Sparflamme. Ich habe derzeit die Energie für garnichts. Als ich gestern gefragt wurde, ob ich in "Mission Impossible 4: Ghost Protocol" mitgehen würde, wurde ich geradezu ekstatisch. "Das ist die erste Idee, die ich heute höre," verkündete ich, "und darum geht sie mir so ab!"
Nächste Woche werde ich mich mit meinen potentiellen neuen Arbeitgebern treffen, und ich bin gespannt, wie das über die Bühne gehen wird. In meinem jetzigen Zustand könnte ich Tankstellen überfallen, aber nicht in einem klar formulierten Satz ausdrücken, was Morgen von Gestern unterscheiden wird.

Was mein aktuelles Dilemma umso delikater macht: Meine Zigaretten werden nicht ewig reichen. Gestern schoß ich dem Polen aus einem Meter Entfernung mit einer Softair-Pistole ins Gesicht, und er schrie "Nicht ins Gesicht! Nicht ins Gesicht, du Schlampe!" Aber ich kicherte nur manisch, von kindlicher Freude darüber erfüllt, dass ich trotz Schlafmangel, Unmengen Kaffee, Schnaps und dem Inhalt meiner Lungen trotzdem noch in der Lage war, ohne zu zielen einen spontanen Headshot auf die Reihe zu kriegen. "Das wäre fast ins Auge gegangen," brüllte er, sich eine Stelle auf der linken Stirn reibend, direkt über den Augenbrauen. Wäre es eine echte Patrone gewesen, hätte sie seinen linken Frontallappen gekillt, den Bereich des logischen, formalen und mathematischen Denkens.
Ich gackerte: "Du hast zuerst geschossen!"
Und: "Jeder von uns hatte nur einen Schuss! Du hättest besser zielen müssen!"
Er hatte meinen Ellbogen getroffen. Ich hätte ihn fast zum Augenklappenträger gemacht. Alkohol verträgt sich nicht einmal mit Spielzeugwaffen. 
Ich glaube, rückblickend, dass unser gesamter Mexican Stand-Off inspiriert war von einer einzigen Szene in "Mission: Character Development Impossible 4", in der die weibliche Hauptrolle aus nächster Nähe mit einem Monstrum deutscher Pistolentechnologie zwei Schüsse in die Leber kassiert, kurz strauchelt, sich dann an einem Regal abstützt & mit zusammengebissenen Zähnen den Job zu Ende bringt. Ihre Freunde stürzen in den Raum, um ihr zu helfen, doch sie versucht noch tapfer, ihre Wunde zu verstecken. "Macht euch keine Sorgen um mich," bühnen-flüsterte ich laut in dem kaum besetzten Kinosaal, "es ist nur ein Bauchschuss!"

Wobei ich mit einem angeschossenen Ellbogen wohl auch bis ans Ende meiner Tage Versicherungschecks kassieren würde.
Nein, dieses Weihnachten reichte weder qualitativ noch quantitativ an das letzte heran... das vielleicht auch einfach nur zu großartig gewesen war, um dieses Jahr noch getoppt werden zu können. Aber ich erhielt zumindest eine nette kleine Zeitkapsel, eine Erinnerung daran, aus dem fernen China. 张欢, eine Kommilitonin des Polen aus dem Land des Aufgehenden Yen, verbrachte damals die Feiertage mit uns - weil er verhindern wollte, dass sie sich bei ihm zuhause mit seiner Mutter gegen ihn verschwestern würde. Wir verpassten ihr den Kulturschock ihres Lebens, und nun muss ich mir schon bald eine charmante Antwort auf diese liebreizende eCard überlegen, die gestern Mittag noch unverhofft eintrudelte:

Die Zeit geht schneller als man denkt, dass Weihnachten wieder vor der Tür steht... eh, I'd like to speak English now... I still remember the happy moment with all of you at Schnee's last year. The dim, long, narrow stairs and the feebly lighted Henrie's room. Of course I'd like to mention that piece of broken floor which was covered with a paper... Frankly speaking I've never heard that kind of music before, which was neu for me and special for such a festival. Most of the time, I was a little "absent" and tried not to listen what u were talking about. (In fact, I couldn't unterstand it, neither. hehe) But I did feel pretty relax and comfortable with u. Even now, at this moment, as I'm typing the words, I can imagine that Squirrel, dressed in black, and the Polack were just sitting near me, Henrie was in his "Big-baby-chair" and the Grey Eminence was with his Boyfriend, who didn't talk a lot. It was really a pleasure meeting u.
So now, exactly one year later, at this happy festival time, please allow me to give my sincere blessings to you and wish you a merry xmas and a healthy and happy time in the coming new year!

Das schönste Weihnachtsgeschenk machte mir dieses Jahr aber die finnische Regierung, als sie einen illegalerweise als "Feuerwerk" deklarierten, kaum gesicherten Container auf einem kruden ukrainischen Seelenverkäufer öffnen ließ, der ohne Papiere in Seenot geraten war - und eine imposante Waffenlieferung darin vorfand, die die deutsche Regierung heimlich der Südkoreanischen Regierung zukommen lassen wollte. Niemand - wirklich niemand in diesem Land - wollte sich an Heiligabend dazu äußern. Und mittlerweile hat man die ultimative Formulierung gefunden: Die geschmuggelten, nicht deklarierten Raketen und Sprengstoffe, von der offiziell kein Mensch etwas wusste oder jemals hätte erfahren dürfen, seien in Wirklichkeit nichts anderes als Bestandteil "eine[r] auf Regierungsebene vereinbarte[n] reguläre Abgabe von Waffen" gewesen. Und der ganze Schlamassel sei jetzt das gottverdammte Problem der Südkoreaner. Punkt.
Wow. 
Diese Geschichte - und ihre Implikationen - sind so episch, so absurd, so widernatürlich, dass ich stundenlang zu diesem Thema auf eine Tastatur einhämmern könnte, aber nicht heute. Die ganze Welt schweigt gerade über dieses Thema, dass jetzt bereits verdammt nach Deutschlands Antwort auf die "Iran-Contra-Affäre" stinkt... Vielleicht, weil Weihnachten ist. Vielleicht, weil unser Präsident sich eh bereits als eine Art gottverdammter Simonist entpuppt hat. Vielleicht, weil alle neuen CDs, die man dieses Weihnachten kaufen konnte, so unglaublich übersteuert abgemischt sind. Vielleicht, weil in weniger als 6 Tagen das Jahr 2012 anfangen wird, und uns sowieso bereits alles egal ist. Vielleicht, weil der ganze Planet gerade von rätselhaften, außerirdischen "Meteoriten" bombadiert wird.
Wir müssen uns an Sterne krallen,
damit wir nicht vom Himmel fallen.

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