28.01.12

Lana Del Rey: A Star is "Born to Die"

Kann man sich heutzutage noch auf einen Release freuen? Im Zeitalter des viralen Marketings, des gelebten Leaks & des real existierenden Mediafire-Sozialismus ist dies eine hochgradig philosophische Fragestellung. Ich jedenfalls beschloss, irgendwann in den grauen Burnout-Tagen der Vorweihnachtszeit, mir den Tag von Lana Del Reys zweiten Album-Release „Born to Die“ vorzumerken. Mit Freuden.

Warum auch nicht? „Video Games“, das sogenannte Internetphänomen, war ein netter Song, doch „Blue Jeans“, die B-Side der Vorabsingle, riss mich vom sprichwörtlichen Hocker. Ich bin einfach nicht der Typ für Pop-Musik - und umso heftiger verliebe ich mich dann in ein Lied, das tatsächlich einen Nerv bei mir treffen kann. 

Es ist eine besondere Form von Anachronismus, die einem bei diesen Liedern beschleicht, und die Del Rey den Wikipedia-Spitznamen der „Gangsta Nancy Sinatra“ eingebracht haben. Video-Ausschnitte aus den frühen Tagen des Farbfilms illuminieren Lieder über die Vergänglichkeit von Liebe, der Sehnsucht der Trauer und den Höhen und Tiefen von Beziehungen mit Kerlen, vor denen euch euere Mütter immer gewarnt haben. Und hey, mit Texten wie „It‘s you, it‘s you, it‘s all for you / Everything I do / Tell you all the time / Heaven is a place on earth with you“ oder „I told you that no matter what you did I'd be by your side / Cause I‘m a ride or die / Whether you fail or fly / Well shit, at least you tried“ scheinen 50 Jahre Feminismus und Emanzipation zwar sehr non-chalant beiseite gewischt zu werden... aber andererseits müssen wir uns nach dem Gestöhne einer Lady Gaga oder den Balztänzen von Christina Aguilera auch irgendwann mit der unangenehmen Frage auseinandersetzen, ob dies nicht vielleicht ein erstrebenswerter Trend sein könnte - zumindest für die Pop-Industrie.

Lana Del Rey, geboren Elizabeth Grant, ist eine von diesen Neuen Stars, an deren Existenz ich mich erst noch gewöhnen muss - denn sie ist jünger als ich. Und während ich noch versoffene Posts auf Der Freitag veröffentliche, in der Hoffnung, irgendwann so etwas wie einen Durchbruch zu erleben, hat sie bereits den Plattendeal bei Universal, die Cover der Hochglanzmagazine und das, wonach sich jeder aufstrebende Stern am meisten sehnt: Eine ganz private Armee aus Feinden, Neidern, Hetzern und unbeeindruckten Kritikern.

Manchmal vermisst man die alten Tage, als man im Internet noch mit dem restlichen Aussatz der Gesellschaft alleine war. Doch heute wimmelt es hier so vom Durchschnitt, von Gewöhnlichkeit & Banalität, dass die Realität schon beinahe wieder verlockend wirkt. Es ist ein Fremdschämen, wenn man so will, angesichts der vorherrschenden Meinung, diesem großen, stillschweigenden Konsens, den alle auf irgendeinem hippen Blog aufgegabelt haben müssen, dessen URL man mir nie mitgeteilt hat.

Und so beschloss das Internet, dass Lana Del Reys Debütalbum „Born to Die“ eine nichtssagende, hohle Platte sei, aufgenommen von einer gefakten, über-hype-ten Reagenzglaskünstlerin, die uns von einem bösen Megakonzern als neuste Cash-Cow vorgesetzt wurde. Was mich, folglich, wohl zu einem Opfer von geschickter Propaganda, feinfühliger Manipulation und meinen eigenen viel zu niedrigen Standards macht.

 „Aber sie hatte doch einen Auftritt bei Saturday Night Live, und da klang sie furchtbar!“ schreiben diese Kritiker, eifrig mit den Köpfen nickend. „Sie traf kaum einen Ton!“ 

Klar. Weil es ja auch gar keinen Grund hat, dass Live-Auftritte in Fernsehshows so gut wie immer in einer Orgie aus Playback und Overdubbing eskalieren.

Amy Winehouse ist mittlerweile kalt, tot-geschrieben von den selben talentfreien Armleuchtern, die ihre eigene Mittelmäßigkeit in Missgunst und Kritik an allem kanalisieren, was sich über ihre nichtigen Existenzen erheben konnte. Erfolg, so das Credo dieser Neuen Blöden, ist der eindeutige Garant dafür, dass es jemand nicht verdient hat.

Es ist Ausdruck dieses ewigen Kampfes zwischen Hipstern und Anti-Hipstern... oder vielleicht auch nur zwischen einer Geschmackssorte von Hipstern und einer anderen. Die einen wollen etwas identifizieren, dass „cool“, „vintage“ und „underground“ ist, und zwar möglichst lange bevor es der Rest von uns normalen, biederen Konsumenten entdeckt. Die anderen wollen einfach nur ihre Rotznasen erheben können in dem Wissen, dass sie es einem wahren Star mal so richtig gezeigt haben - in den kleingedruckten Margen eines YouTube-Comments oder den unendlichen Tiefen eines Musikforums.

Scheiß drauf. In wenigen Stunden öffnen eine Menge Geschäfte, die Lana Del Reys Major Label-Debüt gegen Bargeld eintauschen, und dann werde ich mir ein neues Album für meine Sammlung gönnen.

Auch wenn es sich schon lange auf meiner Festplatte materialisiert hat.

Denn ich habe vor langer Zeit eingesehen, dass Musikdiebstahl völlig in Ordnung ist - so lange man sich die moralische Verpflichtung eingesteht, diejenigen Künstler auch tatsächlich finanziell zu unterstützen, die einem die größte Bewunderung abringen.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Amen zu deinem letzten Absatz. Genauso denke ich auch!

DerStalker

Chuckpala hat gesagt…

Naja, dieses Gefasel von wegen "harsche Kritik ist doch nur Neid der Nichtskönner!" ist aber auch schon ein alter Hut. Erinnert mich an die Youtube-Kommentierenden, die jedes bisschen (gerechtfertigte) Kritik mit dem Satz "Mach's erstmal besser!" erwidern. Dass das ziemlich sinnfrei ist und Journalisten per se ihre Daseinsgrundlage entziehen würde (die ja nicht nur Musik kritisieren, sondern zB auch Politiker, ohne, dass die meisten selbst jemals in der Politik tätig waren - genauso verfehlt?), sollte wohl einleuchten, wenn man nicht gerade ein 15-jähriger Fanboy ist (was ich dir nicht vorwerfen würde).

Tatsache ist doch wohl, dass es natürlich Hater um des Hate-Hypes Willen gibt, die mitunter noch nicht mal das entsprechende Album gehört haben.
Dann aber eben auch die, die es tatsächlich schlecht, enttäuschend, nicht oder zu zeitgemäß finden, die mit den Themen, der Stimme oder der Produktion hinter Lana Del Rey einfach nichts anfangen können - egal, wie stark "Video Games" anfangs eingeschlagen hat.
Und denen willst gerade du, als Blogger, der ja immer irgendwie auch Kritiker ist, ihre Meinung absprechen? Oder hab ich da was falsch verstanden?

Henrie Schnee hat gesagt…

Ich war nie ein Blogger.

Chuckpala hat gesagt…

... sondern bloß jemand, der einen Blog führt, mithilfe der Blog-Software "Blogger"? So so.

Anonym hat gesagt…

Troll-lol-lol-lol-lol

http://www.youtube.com/watch?v=oavMtUWDBTM

DerStalker

Anonym hat gesagt…

Kommentare, kommentare, jetzt sind es schon 6. Habe dein Rat befolgt.. bin unter die Kubotanisten gegangen...suche mir jetzt noch einen geeigneten Täter und dann Tschakkkk! Der Typ aus dem Waffenladen hat es mir nochmal genau beschrieben... der Tonfall war witzig, so als würde er mir gerade einen Fernseher oder Waschmittel verkaufen..."Nun ja"-meinte er auf die Halsschlagader deutend- "wenn du in einer Schlägerei deinen Gegner hier triffst....mit der Faust....dann bekommt er vielleicht Atemnot, nicht aber mit dem Kubotan! Mit dem Kubotan ist es durchaus möglich, dass du sie zum Platzen bringst"...Ich war begeistert....ich legte ihm die 10 Lappen hin und machte mich schnellstmöglich aus dem Staub...Berlin kann kommen! Hehehe

Zu Ms. Del Rey.: Hat mir wieder einmal gut gefallen, deine kleine Abschweifung...(wollen wir hoffen, dass sie nicht das gleiche Schicksal wie Amy ereilt, es wäre zu traurig!)
Nichts desto trotz, möchte ich an dieser Stelle noch ein wenig Fremdwerbung für die einzigste Sendung im Fernsehen, die ich mir noch regelmäßig gönne und zwar „ttt“ anbringen. Ich weiß....beschissene Sendezeit....so ist die ARD nun einmal....Alles, was tatsächlich von Interesse sein könnte....legen sie so, dass es entweder nur von hoffnungslosen Stubenhockern oder von Senioren mit chronischen Schlafstörungen wahrgenommen wird, aber hej! Wo für gibt’s denn eine Mediathek?

In dieser habe ich heute eine gar nicht mal uninteressante Kurz-Doku über Lanas kometenhaften Aufstieg gefunden: http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/431902_ttt-titel-thesen-temperamente/9389440_der-gigantische-erfolg-der-lana-del-rey

DerSlaughter ;-)