16.03.12

A Man on the Move

Was für ein grausamer Schlag des Schicksals: Seit Wochen kann ich schlafen. Jahrelang, so lange ich dieses gottverdammte Rum-Tagebuch schon schreibe & auch schon davor, war ich eine Nachteule. Schlaf kam nie leicht für mich, er musste hart erkämpft werden: Mit durchgemachten Nächten, destilliertem Alkohol, autogenem Training oder einer fein duftenden Auswahl an beruhigenden Kräutern. 
Doch in diesen Tagen schaffe ich es kaum über 1:00 Uhr hinaus, ehe mich Der Schlaf Der Gerechten übermannt. Und schlimmer noch: Zu absolut unnatürlichen Zeiten, 8:00 Uhr morgens, manchmal 9:00 Uhr, werde ich wieder wach. Ausgeruht, entspannt, voller Energie & Tatendrang.

Mir macht das Sorgen, und auch meine Freunde fangen an zu munkeln. "Das sind die ersten Anzeichen von seniler Bettflucht," konsternierte der Kasache, auf meinen akademischen Missbrauch von "Amnesia" anspielend. Und vielleicht hat er recht. Vielleicht hat mein Gehirn allen Missbrauch geschluckt, dem ich ihm die Jahre über zugemutet habe, und hat nun endlich den Schalter umgelegt: Normale Zeiten, gesunder Schlaf, das beginnende Spießertum.

Gestern Nacht saßen wir auf einem stockfinsteren Miniatur-Verkehrsübungs-Platz, wo Grundschüler Fahrradfahren lernen können. Es ist eine glorreiche Anlage, wie ein Art Minigolf-Kurs - ein Relikt aus der Ära Kohl, als die Öffentliche Hand noch Geld für solche Späße hatte. Ich war sichtlich geknickt von irgendwas, aber ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht wirklich, wovon. Ich hatte Zahlen im Kopf, und ich bombardierte meinen russischen Leidensgenossen damit: In Berlin leben 1,75 Millionen Frauen, 80% der Wirtschaft liegt im Tertiärsektor, 60% der Bevölkerung sind konfessionslos, es gibt mehr Muslime als Katholiken... alles Faktoren, die mich kirre machen mit Vorfreude. Aber der Anblick von diesem winzigen Verkehrsübungsplatz mit seinen Miniatur-Straßenschildern und seinem Center Parks-Charme weckte lange verschüttete Kindheitserinnerungen in mir.

"Manchmal frage ich mich, ob diese gottverdammte Provinz in Wirklichkeit nicht doch etwas erstrebenswertes ist," sagte ich schließlich. Der Anblick des klaren Nachthimmels, der glitzernden Sterne hinter den Silhouetten der kränklichen Fichten, irgendetwas davon hatte in mir einen Nerv getroffen. "Ich meine... all diese Stadtfeste, all dieser langweilige Bullshit, all dieser offizielle, besoffene Kram, all diese schlechte Musik... es ist, als müsste uns das alles eigentlich auch gut abgehen, wenn in unserem Leben nicht irgendwann mal was tierisch schief gegangen wäre. Das, was uns in diese elende Parallelgesellschaft katapultiert hat."
"Naja," sagte der Kasache, "was hätte schon anders laufen können?"
"Ich weiß nicht. Aber denk mal an diese Leute, die so alt sind wie wir... mit Zwanzig geheiratet haben, jetzt schon die ersten Kids kriegen, nen richtigen Beruf gelernt haben & ihn auch ausüben. Für diese Leute muss das alles hier doch richtig viel Sinn ergeben."
Der Kasache lachte abfällig: "Ja, Mann... aber diese Leute kiffen auch nicht den ganzen Tag."
"Eben," stimmte ich kichernd zu, mich an ein Gespräch früher am Abend erinnernd. "Und an deren Stelle hätten wir wohl auch so ein gesundes Interesse daran, Abschaum wie uns von der Straße zu halten." 

Es war nicht einmal 23 Uhr, aber ich war bereits müde. Ich wollte nach hause, meine Nachrichten checken, meine Termine organisieren & wieder etwas Schwung in die Sache bringen. Ich war seit dem Mittagessen am Trinken, hatte mit Rum und Bier angefangen & bin um die Abenddämmerung herum unbeabsichtigt, aber willig, in ein Vodka-Gelage in einer alliierten WG geraten, und nun, nach einer finalen Analyse des Konzepts von Heimweh, hatte ich alle Puzzleteile zusammen, um ein weiteres Mal die Augen schließen zu können und zufrieden zu sein mit dem Wissen, dass alles nach Plan läuft.

Kommentare:

divine_infekt hat gesagt…

Seit geraumer Zeit schaffe ich es auch vor 1 Uhr einzupennen - aber nur Dank nächtlicher Telefonate. Ist schon echt merkwürdig. Aber durchschlafen kann ich fast nie.
Der Dialog-Teil hat mich irgendwie etwas berührt. Manchmal fühle ich mich auch so. Auch wenn ich so gut wie gar nicht kiffe.

Henrie Schnee hat gesagt…

Du bist ja auch ein gutes Mädchen.

Vielleicht sollten wir dankbar um jeden nicht-wachen Moment sein.

doc_mesc hat gesagt…

Die plötzliche Abwesenheit von Einschlafstörungen kann auch nur ein Zeichen dafür sein, dass man es in der Vergangenheit zu sehr übertrieben hat. Kein Grund also, sich deswegen Sorgen zu machen. So schnell wird man nicht normal ;-)