08.03.12

Zapfenstreich

Und so fiel der nächste Fürst. Für Christian Wulff spielt heute der Zapfenstreich, sein Schwanengesang hallt durch die Straßen Berlins. 

Und ich feiere das mit einem extra-großen Glas Rum, in dem die Eiswürfel klappern, und mit Violeta Parras Version von "Hasta Siempre Comandante Che Guevara", der vielleicht besten Fassung dieses grandiosen Liedes. Sieben Jahre hat es mich gekostet, bis ich diese mp3 wieder fand, nachdem ich sie das letzte Mal gehört hatte - und umso mehr genieße ich es nun, es jedes einzelne Mal zu hören.
Es erinnert mich an einfachere Zeiten, an Zeiten von Links und Rechts, von ungesicherten Lagerfeuern und zertrümmerten Stoßstangen. 

Die "Casa Wulff", wie wir das aktuelle Trauerspiel unserer Regierung nennen, kratzt mich bis zum heutigen Tag herzlich wenig, und es hat mich an jedem beliebigen Morgen der letzten drei Monate viel Überwindung gekostet, Spiegel-Online oder dessen Geschwister aufzurufen, und mich durch den neusten Wust an Schlagzeilen und Livetickern zu quälen. Heute lautet die Überschrift dort "Mit Paucken und Vuvuzelas", und ich kann mir den Rest des Artikels grob denken...
Erst letztens hatte ich eine tiefsinnige Debatte mit einer Syrierin über Würde und Ehre, und wieso wir Deutsche auf die harte Tour gelernt haben, nicht mehr in solchen Kategorien zu denken. Die Casa Wulff untermauert meinen Punkt nur zu gut, und ich fühle mich wie ein Bastard bei dem Versuch, es überhaupt auszuformulieren. Es ist, als würde man sich über ein behindertes Kind lustig machen.

Wir haben einen "Präsidenten", der die höchste Position des Staates inne hält, und doch nichts anderes tun darf als bei Anlässen zu re-präsentieren, die nur höchst wenig mit der tatsächlichen Realität des 21. Jahrhunderts zu tun haben. Anlässe, zu denen kein Hahn kräht.
Und vergessen wir nicht, weswegen unser letzter Präsident mit einem lauten "Ha!" hingeschmissen hat und uns undankbaren Banausen damit sehr eindeutig zu verstehen gab, wo wir uns unsere scheinheilige Republik gefälligst hinstecken können: Horst Köhler ging, weil er einmal zu oft einen Anflug von eigener Meinung hatte.
Er hatte sich dahingehend geäußert, dass Deutschland eine Wirtschaftsmacht sei, und dass es nun mal im gesunden Interesse einer jeden Wirtschaftsmacht sei, ihre Interessen im Ausland durchzusetzen, und sei es mit militärischen Mitteln. Völlig unabhängig davon, ob er in diesem Kontext nun an Piraten vor der Küste Somalias oder unser zweifelhaftes Mit-Streiten in Afghanistan & unsere indirekte Unterstützung für den Irak-Krieg gedacht haben mag, er hatte diese These nicht als Vorschlag vorgetragen, sondern lediglich einen ziemlich offensichtlichen Ist-Zustand beschrieben. 

Das politische Deutschland hatte ihn dafür gegeißelt. Wie könne er es wagen? Ein deutscher Präsident hat die Bienenkönigin im Herzen des Stocks zu sein, für immer Sklave und Zentrum des sie umgebenden Staates, der von ganz alleine weiß, was er zu tun hat. 

Nach Köhler war klar, dass sich Angela Merkel keinen Troublemaker wie Joachim Gauck vor den Karren spannen wollte. Zu dem ganzen Ablauf unserer letzten Präsidentenwahl hatte ich nicht einmal eine Meinung, so banal & vorhersehbar erschien mir das ganze Prozedere letztendlich. Die Unions/FDP-Achse kontrollierte die Mehrheiten, und ihr Wille wurde Fakt. Zugegeben, es war enttäuschend - warum sollte ausgerechnet ein Politiker unser Land repräsentieren? Noch dazu ein weggelobter Landesfürst... und wir alle wissen, wie man in Deutschland Ministerpräsident eines Bundeslandes wird.

Über Guttenberg konnte ich mir die Haare raufen, denn sein Fall kam mit einem echten Sinn von wagner'schem Drama; die Grenze, die er überschritten hatte, war zu heftig, der Affront gegen die Götter zu abartig, um übersehen zu werden. Die Casa Wulff hingegen ließ einen weitesgehend völlig kalt. Was, es gibt auch korrupte Berufspolitiker? Als die ersten Schlagzeilen die Runde machten, runzelte ich lediglich meine Stirn - was hatten wir denn erwartet? 

Christian Wulff hat uns mit ein paar häßlichen Wahrheiten über unser schönes Land konfrontiert, und vielleicht ist das letztendlich eine heilsame Sache. Sein Zapfenstreich beinhaltete die "Ode an die Freude" und, wenn meine Quellen korrekt sind, "Somewhere over the Rainbow". Und ich verstand, was er damit sagen wollte.
Ich verstand aber damals auch, was Gerhard Schröder seinerzeit sagen wollte, als er sich zum seinem Schwanengesang Frank Sinatras "My Way" und Kurt Weills "Moritat des Mackie Messer" wünschte. Der Tod einer Politik-Karriere ist immer ein gespenstischer Moment für uns Überlebenden.

Und um diesen besonderen Tag heute nun zu feiern, gieße ich mir einen weiteren Rum ein. Und ich erhebe mein Glas: Auf all jene, die repräsentieren.

1 Kommentar:

dom hat gesagt…

Sehr schön :)