23.11.12

Das Goethe-Institut "Schnee"

Meine Abneigung gegenüber Deutschen ist legendär: Nazis, Stasis, Lehrer, Nationalisten, Studenten, Arbeiter, Intelligenzija und Idioten, Bürokraten, Linke, Rechte, jung und alt... sie erinnern mich jedes Mal auf's neue daran, wie brackig unsere nationale Kultur heute ist; gefühlt schon immer gewesen ist.

Also ging ich, nach 26 Jahren deutscher Gründlichkeit, deutschen Fleißes und deutscher Pünktlichkeit in die undeutschste Stadt auf deutschem Boden: Berlin. Und landete zwischen Franzosen, Portugiesen, Italienern und Spaniern - meine Generation, aus ganz Europa, versammelt sich hier, denn ihre Länder kollabieren, bröckeln und gehen unter. Deutschland macht derweil Reibach; wir sind - wie ich es vor einer Ewigkeit mal formuliert habe, "das reiche Kernland auf einem Dritte Welt-Kontinent". 

Meine große Theorie, wieso unser Schland jegliche kulturelle Relevanz eingebüßt hatte, hing immer mit den Nazis zusammen, die jeden halbwegs gebildeten Menschen aus dem Reich vergrault haben. Holocaust und Blitzkrieg sind grausame Dinge, unter denen unsere Nachbarn leiden mussten - aber wir Deutschen weigern uns bis heute, den irreparablen Brain-Drain zu akzeptieren, das uns das Dritte Reich einbrockte. Vom Apollo-Programm bis Hollywood: Nach dem Krieg konnte die Welt wahrlich am deutschen Wesen genesen.

Unter Konrad Adenoid wurde dann einfach Die Rechte als neue Mitte festgelegt, und manche kamen wieder. Aber eben nur manche. 
Drei Generationen später sehe ich diesen Trend sich endlich umkehren: All diese jungen Europäer, die in Scharen jetzt hierher strömen, sind hochkarätig ausgebildet, die Spitzen ihrer Jahrgänge. Architekten, Regisseure, Ingenieure, Ärzte, Musiker, Schreiber und Künstler... die neuen Immigranten haben das Potential, Deutschland den kulturellen Lebensfunken wieder einzuhauchen, dessen Fehlen unsere Nation so gottverdammt irrelevant gemacht hat in allen Aspekten des täglichen Lebens, die nicht mit Maschinen oder Chemie zu tun haben.

Klar sind diese Leute Konkurrenz - sie haben das selbe gelernt wie wir, in Schulsystemen die unserem föderalistischen Experimentierstuben haushoch überlegen sind. Sie haben ihre Abschlüsse Jahre vor uns gemacht, und sie bringen eine Menge nationale Besonderheiten mit.
ABER sie beherrschen nicht die deutsche Sprache/schwere Sprache. Das bleibt uns vorbehalten, und ein Deutscher, der Englisch als Zweitsprache perfektioniert hat, wird immer den Heimvorteil genießen.

Also tue ich das, was jeder unpatriotische Troublemaker tuen würde: Ich promote die Deutsche Sprache. Ich bin mein eigenes Goethe-Institut geworden, verbringe meine Nächte zusammengekauert mit Europas Elite & erkläre die Feinheiten des Guten Deutsch.
Es ist eine interessante Sache, denn man sieht sich dazu gezwungen, über die Eigenheiten der eigenen Muttersprache nachzudenken. Man fantasiert sich Etymologien zusammen. Man definiert die Feinheiten - und man staunt selber über die großen Hürden, die man selbst nicht mehr wahrnimmt: Die Gender-Artikel "der", "die" und "das". Es ist bizarr, aber genau dort liegt der Hund begraben - und auch wenn man binnen eines Jahres ein verdammt gutes Deutsch lernen könnte, wird man ein weiteres Jahrzehnt benötigen, nur um all die Geschlechter zu lernen. Das Mädchen? Die Waffe? Der Anhang? 
Es steckt absolut kein System dahinter.

Aber für andere Menschen die eigene Sprache auseinanderzunehmen macht Spaß, und die Neugierde des Publikums schmeichelt einem auch irgendwie.

Masochistischer ist es jedoch, diesen großartigen Leuten zu erklären, wie es in Deutschland wirklich zugeht, dass Berlin ihnen einen ebenso verzerrten Eindruck unseres nationalen Naturells vermittelt wie Hong Kong es für China tun würde. Wie zerfressen und handlungsunfähig die Korruption unseren Föderalismus gemacht hat. Wie rückständig die immer noch in der Ära Kohl verhafteten ländlichen Provinzen wirklich sind. Ihnen zu erklären, was ein "Nationalsozialistischer Untergrund" ist und wo man sich besser nicht als Ausländer zu erkennen gibt. Was der Unterschied zwischen "Deutschland" und "Bayern" ist - und sie über die deutsche Küche aufzuklären, "the one thousand and one ways of cooking Kartoffeln".

Die simple Wahrheit ist: Es gibt keine Perfektion; und alles was nach Perfektion strebt, muss einen entscheidenden Schwachpunkt haben. Deutschland hat dafür Berlin, der große Schwachpunkt im Streben nach der Perfektionierung des deutschen Wesens. Unsere kleine, tolerante, verschuldete, arbeitslose und unpünktliche Insel in einem Meer voll durchreguliertem, germanischem Einheitsbrei.

Aber man kann auch dazu stehen. In einem Einheitsbrei geboren worden zu sein macht es zumindest sehr einfach, zum Individuum zu werden. Provinzen gebären die besten Bohemes. Kultur ist der beste Ausweg, und Sprache liefert den Schlüssel dazu. Oder wie es eine pariser PR-Expertin heute Morgen formulierte: "Only a german could quote Depeche Mode as a grammatical example!"

1 Kommentar:

dom hat gesagt…

es liest sich immer so genial!