12.12.12

Crystal Castles Live: Ein Vorgeschmack auf das Ende der Welt


Alice Glass tanzt und singt: "I am the Plague! I am the Plague!"
Alice Glass ist eine Traumfrau... wenn man heftige mentale Probleme und ein Herz hat, das für Junkies höher schlägt.
Und ich schreie zurück: "You are the Plague! You are the Plague!"

Keine drei Meter trennen uns an diesem Samstagabend, und mein erster Gedanke bleibt auch mein beherrschendster: Kein YouTube-Video wird dieser Frau gerecht. Für eine 1,70 hohe Kanadierin mit Crystal Meth-Look ergibt sie doch eine extrem beeindruckende... Präsenz, wenn sie, mit hängenden Gliedmaßen und vorüber gebeugtem Kopf zum Bühnenrand schlurft, eine Zombie-Schönheit, die sich mit der Schrotflinte zu schminken scheint.
Doch in dem selben Augenblick, in dem meine Augen sich an ihr zu weiden beginnen, beginnt der menschliche Fleischwolf um mich herum, mich in Stücke zu reißen. Die Menge tobt, wie der Satzbaustein-Kasten sagen würde, und auch ich werde tobsüchtig. An diesem Abend lerne ich eine entscheidende, häßliche neue Facette über das berliner Feier-Verhalten: Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der hier Glatteis auf Gehwegen und Hipster in unserer Mitte toleriert werden, gehört es in Berlin auch zum Guten Ton, auf einem Konzert mit massiver Verspätung aufzutauchen - und sich dann den Weg in die ersten Ränge einfach im Schutz der Großstadtanonymität frei zu drängeln. 
Also trat und schubste ich jeden, der mir zu Nahe kam... denn auch ich wusste um den Ruf von Crystal Castles-Konzerten, nur war ich aus eben diesem Grund rechtzeitig dort gewesen, hatte mir einen Platz in der zweiten Reihe ergattert & mich durch 2 nicht wirklich inspirierte DJ-Sets gequält, ohne Pissen zu gehen oder mein Bier nachzufüllen. Ich bin, nach wie vor, Fan der ersten Stunden.
Vor einigen Jahren stolperte ich über einen Sampler mit einem der ersten Hits von Crystal Castles - "Crimewave" - und war sehr angetan. Für jemanden, der auf einer steten Diät von Industrial Rock und Electro-Pop aufgewachsen war, schien der wirre Electro-Clash des kanadischen Duos Alice Glass und Ethan Kath eine völlig neue Geschmacksrichtung von Sound bereit zu halten. Hart wie EBM, aber melodisch wie Depeche Mode; wirr wie M.I.A., aber düster wie Joy Division...
"Untrust Us", oder wie ich es gerne nenne, "Der 'La Cocaina'-Song", damals der Opener ihres Debüt-Albums, ist seit jener Zeit mein Klingelton für besondere Anrufer - und manchmal der Weckerton für Termine, zu denen ich einfach wach werden muss.
 Ich hatte bereits zwei Gelegenheiten verpasst, sie live zu sehen, und beide lasten noch schwer: Das erste Mal war im Spätsommer 2010, als ich lustlos über meine alte Uni schlich und dabei an einem Plakat vorbeikam, auf dem auch CC beworben wurden. Weiterlesen brachte schlagartige Ernüchterung: Das Konzert war bereits drei Tage vorher gewesen. Nein!
Das zweite Mal war diesen Oktober, um meinen Geburtstag rum. Enttäuscht von der Welt und meinem Leben hatte ich Berlin den Rücken zugekehrt & war in die alte Heimat gefahren, in der Hoffnung, dort vielleicht mein Freundes-Rudel zusammentrommeln zu können. Am Abend meiner Ankunft schmiss ich den Laptop an, checkte meine Mails & ging auf Facebook: Tataaaa! CC waren überraschend in Berlin & gaben ein Spontankonzert, einfach vorbeikommen, wer nicht wagt, der nicht gewinnt... aber ich war nicht dort! Nein!
Warum ich? Warum heute?
 Aber ich bin es gewohnt, dass das Leben ein grausamer Scherz auf meine Kosten ist, und habe es irgendwann einfach akzeptiert, vom Schicksal angerotzt zu werden. Wir sind alle unseres eigenes Unglücks Schmied.
Wochen später, wieder in Berlin, blinkte mein digitales Radar erneut: CC gehen auf offizielle Tour. Termine in Deutschland! Eventim! 
Ich redete mit Katzenzungen auf meine beiden liebreizenden Mitbewohnerinnen ein, mich doch zu diesem Spektakel zu begleiten - und viel Überredungskunst war nicht nötig. Die Musik kannten sie bereits aus vielen gemeinsam durchgefeierten Nächten... und eine Hand voll ausgewählter YouTube-Videos verlieh meinen breit grinsenden Prophezeiungen unwiderlegbare Schwere.
Meine Begleiterinnen würden mir später, nach dem Konzert,
berichten, wie sich das ganze aus ihrer Sicht abgespielt hat. Bis die Hausbeleuchtung ausging standen sie unmittelbar hinter mir & studierten die Menge. Wie auch ich waren sie fasziniert von der Vielseitigkeit des Publikums: glatzköpfige Rocker, besinnungslose Raster-Hippies, Partyschlampen mit platinblonden Haaren, homosexuelle Hipster mit unerträglichem Geschwätz, schmusende Pärchen, häßliche Singles... eine interessante Mischung war in diesen Fleischwolf gezwängt worden & wartete nun darauf, dass er zu rotieren begann. 
"Wir standen hinter dir bis zum Ende des ersten Lieds", sagten sie später, "aber es wurde unerträglich! Sie drängten einfach wie dumm nach vorne, rammten und zogen mich weg. Ein Pärchen drückte sich an mir vorbei, danach sah ich garnichts mehr... und dann ging ich an den Rand. Aber es war sehr lustig, dir zuzusehen... wie hast du es geschafft, dich nicht da wegzubewegen?"

Kalkulierte Brutalität! 
Anfangs dachte ich noch, es wäre nur der Schock des Konzertanfangs, der die Meute in einen Piranha-Schwarm verwandelt hatte - ohmeinGottdaistsieichwillsieanfassen!
Aber je länger dieser Wahnsinn andauerte, umso schlimmer wurde es... drei, vier, fünf Menschen pro Quadratmeter, keine Luft zum Atmen, Druck aus allen Richtungen, Arme, Knien, Ellbogen, trampelnde Füße...  und das alles zu ohrenbetäubendem Lärm und epileptischem Licht. Ein Vorgeschmack auf das Ende der Welt.
An Tanzen war kein Denken. Selbst die Arme zu heben war töricht. Springen brachte Selbstzerstörung. Für weite Teile des Konzerts konnte ich nichts anderes tun als meine Arme vor der Brust zu verschrenken - zwei Ellbogen an den Seiten, um Drängler zu verletzen, zwei ineinander verschränkte Hände nach vorne, um den Wichser zu malträtieren, der sich vor mich gedrückt hatte, als ich mit dem Filmen abgelenkt war, und Tritte nach hinten und unten, um mich gegen die Pogo-wütigen zu wehren wie ein genervtes Pferd, das einen Bienenschwarm verscheuchen will. 
An einer Stelle glaubte ich in meiner Naivität, das nun ein ruhiges, melodisches Lied beginnen würde & versuchte, mir einen Joint anzustecken. Binnen Sekunden brach der Monsum wieder los, meine schweißnassen Hände weichten den Stick einfach auf & ich sah mich gezwungen, ihn entweder fallen zu lassen oder das Gleichgewicht zu verlieren.
Auf dem Höhepunkt des Wahnsinns kassierte ich plötzlich einen brutalen Tritt gegen den Hinterkopf, der mich fast zu Fall brachte. Ich drehte mich um, bereit zuzubeißen, doch die Bedrohung kam von oben: Ein breit grinsendes Arschgesicht war auf die Menge gesprungen & versuchte, sich nach vorne tragen zu lassen. Ich boxte einmal ungezielt nach ihm, als Dank für den Tritt, und sah noch voller Befriedigung, wie sich sein blödes Lächeln in eine Maske der blanken Panik verwandelte, als er das Gleichgewicht verlor und hinab in die tosende Menge fiel.
Dass auf dieser Tour neues Material gespielt werden würde, hatten wir erst realisiert, nachdem wir die Tickets bereits geordert hatten. Aber warum auch nicht? Ich mag neue Musik.
Crystal Castles gehören zur Peter Gabriel-Denkschule, wenn es um das Benennen ihrer Alben geht: Jedes trägt den Namen der Band, weswegen sich mittlerweile die Schreibweise "(I)", "(II)" und "(III)" für ihr erstes, zweites, beziehungsweise drittes "Crystal Castles" Album eingebürgert hat. 
 "(I)" startete den ganzen Wahnsinn. Mit Elementen aus Glitch, House, Shoegaze, Bit- und Dreampop lieferten Kath und Glass ein kaum definierbares Album ab, das in hundert Richtungen gleichzeitig zu drängen schien, aus allen Töpfen fraß und doch eine innere Kohärenz besaß, die beeindruckte. Legenden ranken sich um dieses Album, über legendäre Myspace-Demos und zufällig aufgenommene Mic-Checks, die zu Chartstürmern wurden.
"(II)" knüpfte nahtlos an die Frechheit von "(I)" an, drang aber in dunklere Gefilde vor. Vom Albumcover über die Lyrics bis zur Anordnung der Tracks: Wenn Crystal Castles eine kaputte Maschine sind, dann war dies der Sound des Zusammenbruchs. "Fainting Spells" als Opener, "I am made of Chalk" als Closer: Ich war sehr angetan. Der Soundtrack zum Vergeuden eines Lebens.
Und nun setzt "(III)" diesen Trend fort... die Zeiten der Happy Gameboy-Sounds sind vorbei, Reverb und Vocoder ertränken Lieder, deren theoretische Schönheit man noch zu erkennen glaubt hinter einem eisernen Vorhang aus akkustischer Häßlichkeit... den man manchmal erst nach dem zehnten Anhören überwinden kann. Oder indem man einen tiefen Zug aus der Flasche nimmt und mitgröhlt: "I am the Plague!"

Reduziert auf eine Zauberformel, die man kopieren könnte, ist Crystal Castles folgendes: Der introvertierte Ethan Kath macht die Beats & spielt sie live, die extrovertierte Alice Glass schreibt die Texte & lenkt live alle Aufmerksamkeit auf sich. Als sie sich zusammentaten war er 20, sie 15 - und diese Mischung aus Electro und Punk; aus zusammengelötetem Keyboard und verschmiertem Maskara ergab perfekten Sinn.
Und das ohne dass ihnen dieser Sinn je zu Kopf gestiegen wäre: Je erfolgreicher und bekannter die Band wurde, umso spärlicher und kryptischer wurden ihre Äußerungen gegenüber den Medien. Jede einzelne Review von "(III)" basiert auf einer Hand voll aus den Fingern gesaugten Statements, die die Band über ein paar Ecken verlautbaren ließ. Manche deuten ihr Auftreten als Arroganz, doch andere wissen: Es ist nichts als das unverblümte Selbstbewusstsein, als reine Fan-Band von Mundpropaganda leben zu können. So sind sie groß geworden, wieso sollten sie sich jetzt anbiedern?

Umso befremdlicher war es, als ich nach dem Konzert völlig betäubt zu den Garderoben zurück wankte und Kath dort rumstehen stah, im Flur, mit einem Fan plaudernd, während die Menge sich an ihm vorbei zum Ausgang drückte. 90 Minuten lang waren sie zu seiner Musik abgegangen, doch dabei hatten sie alle nur Augen für Alice... und ich verstand schlagartig, wieso er sie als die geheime Zutat bezeichnet, ohne die seine Musik nicht möglich wäre. 
Ich wollte irgendwas sagen, nur konnte ich nicht mehr klar denken, also versicherte ich ihm einfach nur mein aufrichtiges "Thank you for that awesome show", wofür er sich ein wenig schüchtern bedankte. Ich fasste neuen Mut & bat um ein gemeinsames Foto, das eine lächelnde Japanerin freundlicherweise für mich machte. Er ließ es über sich ergehen...

Mein Gedächtnis tut sich schwer, ein anderes Beispiel zu finden, bei dem 23 Euro sich als eine dermaßen gute Investition entpuptt hatten - und es ist beinahe schade, dass die Welt bald untergeht - so ein Konzert würde ich auch ein weiteres Mal über mich ergehen lassen. 
Ich mag den menschlichen Fleischwolf.
Ich mag nihilistische Live-Musik.
Ich bin die Seuche.

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