03.11.13

Schicksal und Freier Wille (Ein Schlusswort zu dem Thema)

Hier herrscht die Stagnation. Eine ganze Latte von Artikeln sind parallel in Arbeit, werden aber deswegen alle nicht fertig. Als da wären:
-Ein Text namens "Gespräch mit dem Leser" bzgl. der nicht mehr existierenden vierten Wand dieses literarischen Projekts.
-Ein Text namens "Der Drohnen-Killer, der Schwulenhasser und The Л-Word: Das Grau-Gute im Menschen", ein Begleitartikel zu meiner aktuellen Kolumne im grow! Magazin.
-Ferner muss ich dringend einen drohenden Brief an diese faulen Säcke bei der Schufa verfassen, endlich die Prüfungsphase meines Magisterabschlussverfahrens organisieren, (erwachsen werden), und diesem mysteriösen Brummgeräusch in der Küche auf die Schliche kommen.

Die letzten Tage hatte ich mir ein wenig Selbstzerstörung gegönnt - im positiven Sinne. In kleinen Dosen kann sie durchaus heilsam sein, auch sie verbrennt das Fett unserer Seelen, wie Hemingway einst dichtete. Nichtsdestotrotz: Das gegenwärtige Thema, mit dem sich meine Frontlappen auseinandersetzen, ist das Erlangen einer neuer Bewusstseinsstufe, die ich intern als "Erwachsen sein" bezeichne. Der Haken an der Sache ist: Ich wollte nie erwachsen sein, Peter Pan-Style. Aber ich wollte auch immer anders sein, einen Gegenentwurf darstellen, bevorzugt einen nach meinem Design. Folglich kam ich zu dem Schluss, dass ich eine eigene Version von Erwachsen sein entwickeln muss, die ich mein eigen nenne, mit eigener Bedeutung auflade und die nicht im Widerspruch steht zu meinem über die Jahre entwickelten Codex an Regeln, nach dem ich lebe.
Aber hey, ihr kennt mich. Ich mag eine gute Herausforderung.

Also, statt alles o.g. zu tun schreibe ich jetzt was ganz anderes nieder, nämlich eine Geschichte aus den letzten vier Tagen: In Folge einer Kette betrunkener SMSse landete ich frühnachts in der Wohnküche eines befreundeten Italieners. Sehr chic, Altbau, Hackesche Höfe, mit unverbaubarem Blick auf den Straßenstrich. Im dunklen Abstellzimmer nebenan hatte jemand Massive Attacks Mezzanine über Laptopboxen laufen, der Sound hallte wohlwollend durch den Raum, in dem wir saßen. Wir, das waren your's truely, der Italiener und eine seiner Mitbewohnerinnen sowie drei weitere Gäste: Ein Mauerblümchen, ein Isländer und eine aus Ungarn immigrierte Stamm-Berlinerin. Wir tranken, lachten und rauchten - und kamen so ins Gespräch. Die Ungarin, stellte sich heraus, hatte ebenfalls Literatur studiert, allerdings von einer Germanistischen Perspektive… und wir redeten und redeten. Ich machte ihr Komplimente über ihr perfektes Deutsch, flirtete wie gedruckt, und sie wurde sichtlich nervöser. Ihr Akzent wurde immer stärker. Ich weiß nicht mehr, was der Anlass war, aber zu irgendetwas sagte ich "Tja. Schicksal." Und da sah sie mich erstaunt an. "Es existiert kein Schicksal," erklärte sie kategorisch, "es gibt nur den Freien Willen." Damit drehte sie sich um und zeigte mir, wortwörtlich, die kalte Schulter. Sie fragte den Isländer, auf Englisch, ob er in free will believe. Tat er. Ich versuchte ein verzweifeltes Come-Back und versuchte es mit Baz Luhrman: "How about this - your choices are half chance, but so are everybody elses?" Sie steht auf Germanistik, dachte ich - vielleicht kann ich sie mit Kantianismus knacken?
Doch sie  demonstrierte ihren Standpunkt einfach, stand auf, flüsterte dem Isländer etwas ins Ohr, nickte, nahm ihn an der Hand und zerrte ihn aus der Küche. Die Tür knallte zu. Wir sahen uns alle etwas irritiert an. Auf dem Album ging "Dissolved Girl" in "Man Next Door" über.
Äh, ja.
Wir taten also alle so, als würde das gerade nicht geschehen, und ich erhielt eine Chance, mich mit der Mitbewohnerin des Italieners zu unterhalten, die ich zuvor zugunsten der Ungarin völlig ignoriert hatte. Wie sich herausstellte, hatte ich nichts verpasst. Wir hatten absolut nichts mehr zum Mischen, und so kippte ich mir schließlich Granulattee in den Rum, weil ich um's Verrecken nicht mehr weiter pur trinken wollte.
Schließlich öffnete sich die Tür. Genug Zeit war vergangen, die beiden schlenderten zurück in die Küche, doch eine tendenzielle Aufbruchstimmung brachten sie auch mit. Ich würdigte die Ungarin keines Blickes mehr. Niemand ließ sich was anmerken. Ich mochte den Isländer, er war mir sympathisch, auch wenn er manchmal ins Zusammenhangslose abschweifte. Als die beiden gingen, gab ich vor, gerade ins Bauen einer Sportzigarette vertieft zu sein - konnte mich verabschieden, ohne aufzublicken, und wünschte "ihnen" einen schönen Abend.
Schicksal. Freier Wille.
Es hat einen Funken Wahrheit: Deine 'Entscheidungen' basieren zur Hälfte doch immer auf Glück - aber das ist nicht schlimm, denn es gilt für uns alle.

Gerade eben bestätigte sie meine Freundschaftseinladung auf Facebook.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

TROLLOLOL

DerStalker