14.05.14

Magister Artium (Sanfte Regen sind gekommen)

Jean-Paul Sartre bezeichnete Che Guevara einst als "the most complete human being of the twentieth century". Das muss man wissen, um das Grinsen nachvollziehen zu können, das mein Antlitz hinauf wanderte, als mir eine Künstlerin gestern mehr oder weniger das selbe Kompliment machte. 
Wir lungerten beide auf einem Foto-Shot eines gemeinsamen Bekannten herum, dessen Band womöglich ihren Durchbruch erlebt, noch bevor ich meinen zu sehen bekomme. Für das gemeinsame Promo-Foto war angedacht worden, jedem der Musiker eine Art im Hintergrund stehendes "Monster" zuzuordnen, das in etwa mit den Abgründen des jeweiligen Egos übereinstimmen würde. Die Künstlerin hatte die Masken designt, ich war einer der Statisten, der im Hintergrund lauern sollte. 
In einer Pause zwischen zwei Aufnahmen räkelte ich mich auf einem der Kneipenstühle, die wir beiseite geschafft hatten, taxierte das Treiben cooler Leute um mich herum und steigerte mich, in einem Anfall absoluter Selbstzufriedenheit, in eine Zen-Artige Euphorie. Mein Blick wanderte die Wand hinauf, fokussierte sich auf nichts konkretes, und mir kamen gutartige Gedanken: Ich habe meinen Universitäts-Abschluss geschafft. Ich habe jedes Schlagloch auf dem Weg hierher überstanden, alles konnte mich verlangsamen, aber nichts konnte mich aufhalten - und mehr noch, nichts davon hat es am Ende geschafft, mich zu töten. Und das hat "es" oft genug versucht. Aus mir ist ein Mann geworden. Ich habe Survivalism. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt. Ich habe Freunde, Bekannte, Verbündete, Kontakte und Liebschaften in allen Bereichen, allen Ländern, allen Ideologien, allen Ebenen. Mit dem Potential, das ich in den letzten neun Jahren ausfindig gemacht habe, könnte ich die Welt verändern. Ich habe endlich meinen Abschluss. Ich habe endlich meinen gottverdammten Abschluss. Großer Gott, Allah im Himmel, Yawhe, Shei'Hulud, Buddha, Kirshna, Belzebub, Demiurg, Leviatan, Neo und Vishnu, gedankt sei euch allen, ich habe meinen gottverdammten Abschluss endlich. Ich bin der erste Wissenschaftler in der Familie der Schnees. Übermorgen spielen die Nine Inch Nails in meiner Stadt und es gibt noch Karten zu kaufen. Ich kenne die Antwort zu den Geheimnissen des Universums und die Lösung der Probleme unserer Zeit, und ich bin nun endlich bereit, sie euch mitzuteilen. Die Grenzen meiner Welt sind einzig festgelegt durch die Grenzen meiner Sprache. Sanfte Regen sind gekommen.
All diese Gedanken prasselten in mir nieder… und strahlten anscheinend aus mir heraus. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie die Künstlerin, eine hübsche Israeli, die ich erst für eine Italienerin gehalten hatte, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchte. Ich blickte zu ihr hin. "I would so love to take a picture of you," rief sie mir zu, mit einer Mischung aus Verwunderung und Verlegenheit, "just like you are sitting there right now". Ich lächelte bescheiden. "Thank you. But why?" Sie suchte nach Worten, runzelte ihre Stirn, griff mit den Fingern vor sich in die Luft: "You… just… looked to me... like a totally complete human being!"

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch!
Und...schnapp dir die Fotografin ;)

DerStalker