23.10.14

Ein einfaches Internet

In diesen Tagen habe ich den Eindruck, dass man das gesamte westliche Internet mit einem Team aus vielleicht 500 Leuten schmeißen könnte.
Damit meine ich nicht den technischen Aufwand: Webdesign, Infrastruktur, Hosting... all der technische Kram verschlingt sicher die Zeit einer Unzahl von Fachinformatikern und Autodidakten. Selbst das kümmerlichste Startup benötigt mindestens einen Praktikanten.

Was ich wirklich meine, ist die Oberfläche: Das, was die Bösen im letzten Jahrzehnt verächtlich den "Content" getauft haben. Wir erinnern uns: Die Gründe, wieso das Internet seinen Siegeszug antreten konnte, waren seinerzeit nicht die einfache Bedienung und das beruhigende Gefühl von Sicherheit - fuck nein, der einzige Grund, wieso das Internet je zu etwas mutieren konnte, was heute Börsenkurse erbeben lässt, war Das Angebot: All die Informationen! All die Geheimnisse! All die Pornographie! All die Sprache! Ich will alles - all die Puzzles, all die Rätsel!

Als Modems noch Lieder singen mussten, ehe man online gehen durfte. Als Spiegel Online noch seriös war. Als die Schöpfer von Google und Facebook noch mit Lego Technik spielten. 


Während ich gestern Nachmittag bis zu den Ellbogen in den Eingeweiden unserer Webseite steckte, um einen geheimnisvollen Bug auf den Grund zu gehen, der in automatisch generierten eMails alle Umlaute und Sonderzeichen verhunzt, brach der Anschlag von Ottawa über meine Feeds herein. Ich erkannte die Gelegenheit: Die ganze Welt war in dem Moment so schlau wie ich, denn journalistisch war nicht mehr möglich, als #Ottawa bei Twitter zu folgen... oder mal auf die Webseite des kanadischen Parlaments zu pilgern, und herauszufinden, dass als erste Sitzung eine Diskussion über die medizinische Versorgung kanadischer Armee-Veteranen anberaumt war.

Ich war schockiert von dem, was ich auf Twitter sah: Welle um Welle der selben paar Textbausteine, die in immer wieder den selben Schattierungen getweetet, retweetet und zertweetet wurden. Es sah aus wie ein verrückter Chatroom voller auf Panikmache programmierter Spambots! Merkwürdiger noch war, dass irgendwelche Algorithmen im Hintergrund tätig waren, die den Effekt nur noch verschlimmerten: Ich experimentierte selbst, postete unter dem Hashtag, doch meine von Menschenhand getippte Meldung wurde nie veröffentlicht - Twitter wählt sorgfältig aus, welche Tweets es einem anzeigt und welche nicht. Systempresse 2.0.

Ich zuckte mit den Schultern, vermutete einen von geheimer Hand befohlenen Schweigemantel und machte mich wieder an meine Arbeit. Mein Leben ist zu einem nie enden wollenden Kapitel eines William Gibson-Romans geworden.
Offiziell war Ottawa nicht meine Story, auch wenn sie mich interessierte. Also fing ich mit einem anderen Projekt an, das bereits seit Monaten gärt, und brachte endlich das Design dieser Seite hier auf den Stand von 2014.

Aber, um die Schleife zurück zum Anfang zu schnüren: Ich bin fest überzeugt, dass man das Internet, wie wir es heute erleben, mit plusminus 500 Leuten schmeißen könnte. Wie komme ich auf diese Zahlen?
Man bräuchte zwei bis drei Kern-Teams aus Bullshit-Autoren, die auf Englisch die Nachrichten der kommenden Tage erfinden - weltweit. Sagen wir 60 Leute, die sich alle gegenseitig Konkurrenz machen. Auf jeden Autor kommen 5 Übersetzer und "Variierer", die den Bullshit für die relevanten Feeds vorbereiten: AP, Reuters, die Newsletter aller Lobbyisten. Damit wären wir bei 360 Leuten. Nochmal 50 Leute, die als "relevante Experten" in verschiedene Rollen schlüpfen und die Telefone von hunderttausenden gefälschter Telefonnummern beantworten würden. Und die restlichen Köpfe verteilen sich auf Management und Special Effect-Teams.

Was natürlich nur ein Gedankenspiel ist - das auf eine Frage hinaus möchte: Wann genau haben wir, so als Gesamtspezies, eigentlich beschlossen, unsere globalen Bewusstseinsstrom an die Porno-Schleuder Internet abzutreten?

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